Auf der Bühne der Philharmonie im Münchner Gasteig stehen die Münchner Symphoniker mit ihrem Dirigenten Kevin John Edusei.
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Die Münchner Symphoniker postierten sich im Gasteig mit Dirigent Kevin John Edusei für den Auftritt ohne Musik.

#SangUndKlanglos: Kulturschaffende machen online auf ihre Nöte aufmerksam

Protest gegen Corona-Schließung: Münchens Künstler bleiben still und stumm

  • Katrin Basaran
    vonKatrin Basaran
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Unter dem Hashtag #SangUndKlanglos haben Kulturschaffende in ganz Deutschland gegen die Corona-bedingte Schließung des Kulturbetriebs protestiert. Auch in München beteiligten sich Künstler.

  • Im November sind Theater, Opernhäuser und Konzertsäle geschlossen.
  • Unter dem Hashtag #SangUndKlanglos protestieren Kulturschaffende in ganz Deutschland.
  • Dieter Hallervorden in Berlin Klage gegen die Schließung seines Schlossparktheaters eingelegt.

Endlich laut werden und Rechte einfordern, dafür hat die Kulturszene lange gebraucht. Anfangs war es für sie selbstverständlich, die notwendigen Maßnahmen zum Schutze aller solidarisch mitzutragen. Dass mit fortschreitender Dauer der Pandemie allerdings immer öfter mit zweierlei Maß gemessen wurde, ist längst keine Verschwörungstheorie mehr. Bereits vor Wochen haben sich unter dem Motto „Alarmstufe Rot“ Beschäftigte der Veranstaltungsbranche organisiert, um auf die Ungleichbehandlung der Kulturschaffenden aufmerksam zu machen.

Der Protest war geprägt von schmerzhaftem Schweigen

Für diesen Montag wurde nun zum bundesweiten Protest aufgerufen, der mit dem Hashtag #SangUndKlanglos rasch im Internet die Runde machte. Und dies pünktlich zum Start des „Lockdown light“, der sich für die Betroffenen alles andere als leicht anfühlt – es geht keineswegs nur um „Freizeitgestaltung“, sondern für Millionen um ihre Lebensgrundlage.

Im Gegensatz zu anderen „besorgten Bürgern“ war dieser Protest weder laut noch aggressiv, sondern geprägt von einem schmerzhaften Schweigen, das in der ganzen Republik die Theater und Konzertsäle erfüllte. Etwa bei den Berliner Philharmonikern, deren Auftritt von Kirill Petrenko mit John Cages tonlosem „4:33“ beendet wurde. Oder bei den Bamberger Symphonikern, die wie die Münchner Philharmoniker in einem beklemmenden Livestream das Podium betraten, um eine gefühlte Ewigkeit später unverrichteter Dinge wieder den Saal zu verlassen. Videos, die jedem kunstsinnigen Menschen in der Seele wehtun und auch danach noch beim Klicken durch die Sozialen Netzwerke ein flaues Gefühl im Magen hinterlassen.

Man sah auch das sich stumm vor leerem Haus verbeugende Ballettensemble des Theaters Augsburg, einen Tontechniker, der alle Regler seines Mischpults auf null schob oder den leeren Terminkalender, den Pianist Benyamin Nuss via Twitter teilte. Drei wahllos herausgegriffene Beispiele, stellvertretend für unzählige Beiträge, die das Netz fluteten.

Die Komödie im Bayerischen Hof beteiligt sich auf Facebook an der Aktion

An der Aktion teilgenommen hat auch die Komödie im Bayerischen Hof. Sigmar Solbach, Christine Neubauer, Thomas Stegherr und Julia Uttendorfer begeisterten seit Anfang September im Stück „Halbe Wahrheiten“. Jetzt sind die Hauptdarsteller in einem bedrückenden Protestvideo zu sehen, das die beliebte Bühne im Herzen Münchens auf ihrem Facebook-Account veröffentlichte. Mit Pflastern über dem Mund sitzen die „Halbe Wahrheiten“-Stars in ihren Kostümen auf Korbstühlen vor dem sommerlich leicht wirkenden Bühnenbild. Dann der Schwenk in den Saal mit seinen roten Polsterstühlen. Doch sie sind leer. Die Botschaft ist klar und dieser Tage viel zitiert: Ohne Kunst bleibt es still.

„Die Situation ist schlicht deprimierend“, erklärt Komödien-Intendant Thomas Pekny seine Gefühlslage. „Natürlich geht die Gesundheit vor. Aber die Maßnahmen sollten doch verhältnismäßig sein.“ Sein Haus hatte nach dem ersten Lockdown dank eines ausgeklügelten Hygienekonzepts zunächst für 170 Zuschauer öffnen dürfen. Dann reduzierte Ministerpräsident Markus Söder bayernweit die Publikumszahl auf 50. „Schon das hat uns den Lebensnerv durchtrennt“, sagt Pekny bitter. „Wirtschaftlich ist das nicht tragbar.“ Nun also das komplette Aus.

Am schlimmsten sei, dass naturgemäß auch sein Tourneetheater lahmgelegt ist. Das sind Produktionen, die deutschlandweit eingekauft und in kleineren Theatern gezeigt werden. „Damit subventionieren wir unsere private Bühne, die auf keine regelmäßigen staatlichen Gelder zurückgreifen kann.“ Wäre denn eine Klage gegen die Corona-Maßnahmen, gegen die verordnete Stille denkbar? Pekny: „Wir denken schon daran.“

Dieter Hallervorden hat Klage eingereicht

Unterdessen hat Peknys Kollege Dieter Hallervorden beim Verwaltungsgericht Berlin Klage gegen die Schließung seines Schlossparktheaters eingelegt. Wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet, stütze sich sein Eilantrag auf die verfassungsrechtlich garantierte Kunstfreiheit. Bis Ende der Woche könnte eine Entscheidung vorliegen. Sie wäre ein bundesweites Signal für andere Bühnen.

TOBIAS HELL UND KATRIN BASARAN

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