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Trompeter Herbert Zimmermann bläst eine Aerosol-Wolke aus
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Trompeter Herbert Zimmermann führt vor, wie sich die Aerosol-Wolke ausbreitet - weniger als befürchtet.

Münchner Untersuchung über Musizieren in Zeiten der Pandemie

Corona-Studie zu Aerosolen: Blasinstrumente ungefährlicher als gedacht

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Die Trompete ist harmloser als befürchtet, die Querflöte dagegen der Übeltäter - das belegt eine Studie zur Aerosol-Ausbreitung. Die Folge: Orchester könnten künftig enger aufgestellt werden.

  • Getestet wurden die Blasinstrumente Klarinette, Trompete und Querflöte mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.
  • Eine Folge der Studie: Die Orchesterbläser müssen nicht mehr so isoliert sitzen, die Gefahr ist geringer als gedacht.
  • Münchner Professor Matthias Echternach wehrt sich dagegen, Musikmachen negativ zu belegen.

Wie gefährlich ist ein Blasinstrument? Welchen Abstand müssen die Musikerinnen und Musiker beim Spielen halten? Diesen Fragen hat sich ein Forscherteam der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und der Uniklinik Erlangen zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk gewidmet. Untersucht wurde die Ausbreitung von Aerosolen – mit teils überraschenden Ergebnissen (Details siehe unten). Es ist der zweite Teil einer Studie, der erste befasste sich mit Gesang in Corona-Zeiten. Ein Gespräch mit Matthias Echternach, Chef der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie an der HNO-Klinik der LMU.

Den größten Aerosol-Ausstoß gibt es bei der Querflöte, wie Natalie Schwaabe demonstriert.

Warum haben Sie gerade diese Instrumente ausgewählt?

Die Trompete, da waren wir uns sicher, liefert ähnliche Ergebnisse wie jedes andere Blechblasinstrument. Als vermutlich gefährlichstes Blasinstrument haben wir die Querflöte in den Versuch genommen, weil ein relativ starker und weiträumiger Aerosol-Ausstoß zu erwarten war. Die Klarinette bietet das Phänomen, dass es eine Aerosol-Abstrahlung am Trichter, am Mundstück und an den Klappen gibt. Das ist zum Beispiel ein Unterschied zur wesentlich dichter gebauten Oboe, wo in erster Linie am Trichter ein Ausstoß zu beobachten wäre. Was wir unbedingt noch nachholen müssen, sind Messungen an Blockflöten, weil sie zur musikalischen Früherziehung gehören.

Was haben Sie nicht gemessen?

Die absolute Aerosol-Konzentration, also wie viel Aerosol ein Mensch tatsächlich produziert. Das haben andere Forschungsgruppen mittlerweile im Griff oder beginnen damit. Die Ergebnisse der Kolleginnen und Kollegen legen nahe, dass zum Beispiel bei Trompete und Oboe hohe Konzentrationen entstehen. Die Flöte liefert eher Mittelwerte, die Tuba Werte im unteren Bereich. Wenn ich aber absolute Konzentrationswerte messe, kann ich mich nicht auf die Verteilung konzentrieren, also darauf, wann die Wolke wo ist und wohin sie zieht, zumal die wirklichen Konzentrationen für das Auge nicht sichtbar sind. Wir beschäftigten uns mit dem Ausstoß von künstlich hinzugefügten Aerosolen und verfolgten die Wolke.

Wie gefährlich ist nun die Trompete?

Wir stellten fest: Der Instrumentalist fängt an zu spielen, und zunächst breitet sich gar nichts aus. Erst mit einer kleinen Verzögerung verlässt das Aerosol die Trompete, und dies sehr langsam. Darüber hinaus gibt es neben dem Instrument fast keinen Austritt von Aerosolen. Die Wolke bleibt also relativ nah am Instrument. Die Geschwindigkeit der Aerosole ist deutlich geringer als beim Gesang. Das Instrument schützt und schirmt ab, die Aerosole werden durch die Trompete und ihre Windungen gebremst. Das ist unserer Einschätzung nach auch bei anderen Blechblasinstrumenten zu erwarten. Die Wolke entfaltet sich nach vorn hin weniger als 1,50 Meter, gerechnet vom Mund. Das bedeutet, dass ein Zwei-Meter-Abstand relativ sicher sein sollte. Zur Seite empfehlen wir einen Abstand von 1,50 Metern. Man muss natürlich auf das Kondensat achten, auf die Tröpfchen, die im Instrument entstehen. Das darf man nicht einfach wegschütteln – aber dies passiert derzeit ja auch nicht mehr.

Welche Unterschiede gibt es zur Klarinette?

Ganz interessant: Hier gibt es eine Art Zweistromsystem. Am Trichter verhält sich das ähnlich wie bei der Trompete. Zusätzlich beobachteten wir aber eine Wolke, die vom Mundstück ausgeht und diejenige aus dem Trichter überholt. Diese schnellere Wolke ist gefährlicher, weil sie nicht durch das Instrument gefiltert wird. Und trotzdem: Die Klarinette bietet wesentlich mehr Schutzfunktion verglichen mit dem Aerosol-Ausstoß beim Gesang. Auch hier empfehlen wir zwei Meter Abstand nach vorn und eineinhalb Meter zur Seite.

Ist die Querflöte wirklich der Übeltäter?

So würde ich das nicht formulieren. Aber es gibt tatsächlich eine sehr große Abstrahlung. Der Hauptstrahl richtet sich am Mundstück vorbei nach vorn und unten. Hier empfehlen wir nach vorn einen Abstand von drei Metern und zu Seite zwei Meter, weil die Aerosolwolken über zwei Meter hinausreichten. Außerdem sollte man die Querflöten nicht erhöht spielen lassen. Bei den anderen Bläsern ist die Frage Podium oder nicht eher unerheblich.

Als nach dem ersten Lockdown die Orchester wieder spielten, wurden die Blechbläser weit vom übrigen Ensemble isoliert. Das ist also gar nicht notwendig?

Unsere Ergebnisse legen diesen Schluss nahe. Die Tröpfchen bleiben im Instrument, die Aerosole werden in der Dynamik deutlich gebremst. Im Grunde muss nur die Querflöte etwas mehr isoliert werden – und dies alles immer unter der Voraussetzung, dass es eine ausreichende Belüftung gibt. Es wird nie ein Null-Risiko geben. Aber mit unseren Empfehlungen scheint uns das Risiko vertretbar.

Das Orchesterrepertoire kann folglich „massiver“ werden, weg zum Beispiel von klein besetzten Streicher-Werken?

Aus unserer Sicht ja. Aber letztlich wird das von den jeweiligen Entscheidungsträgern, ob in Politik oder Kultur, bestimmt.

Welche Unterschiede gibt es zu Laienmusikern? Sind hier andere Aerosol-Ausstöße zu erwarten?

Es kann sein, dass beim Laien mehr Luft am Mundstück austritt – dass also das System nicht so geschlossen ist wie beim Profi. Dies allerdings haben wir nicht gemessen.

Welche Fragen bleiben offen? Was testen Sie als Nächstes?

Mit Sängern und Instrumentalisten versuchen wir herauszufinden, welchen Schutz die verschiedenen Maskentypen bieten. Beim Blasinstrument wäre es ja möglich, am Trichter eine zu befestigen. Das Problem: Sie kann die Resonanz stören und den gewohnten Klang verzerren. Mittlerweile wurden für Sänger relativ viele Maskentypen entwickelt. Gleichzeitig wollen wir auch die Praktikabilität testen – also ob sich ein Sänger damit wohlfühlt und ob er damit seine Kunst zufriedenstellend ausüben kann. Ziel ist die Antwort auf die Frage: Gibt es etwas, was mich nicht stört und trotzdem die Aerosol-Ausbreitung hemmt? Wir wissen nun etwas über Abstände, jetzt müssen wir uns den Schutzfunktionen zuwenden. Darunter fällt zum Beispiel auch die Wirksamkeit von Plexiglaswänden.

Aber all das betrifft ja nicht nur die Profi-Szene.

So ist es. Wir müssen uns bei Schutzmaßnahmen vor allem den Laien zuwenden. Denken Sie an die vielen Musikschulen, an die Chöre, an die unzähligen Instrumentalensembles! Entscheidend ist bei alledem: Wir müssen wieder und weiter Musik ermöglichen. Musik darf nicht mit Negativem belegt werden. Ich habe große Sorge, gerade was das Musizieren bei Kindern und Jugendlichen betrifft. Da droht etwas verlorenzugehen. Ich möchte nicht, dass Kinder nicht mehr Blockflöte spielen, weil sie als Risikoinstrument gesehen wird. Sie ist extrem wichtig für die musikalische Früherziehung und damit als Einstieg in die Musikalität an sich, die doch für uns Menschen so wichtig ist.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Professor Matthias Echternach von der LMU München.

Was wurde wie gemessen?
Untersucht wurden drei Instrumente, Klarinette, Querflöte und Trompete, die jeweils von drei Mitgliedern des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks gespielt wurden. Die Musikerinnen und Musiker atmeten den Rauch aus einer E-Zigarette ein und bliesen danach ins Instrument. Gespielt wurde die Melodie „Freude schöner Götterfunken“ aus Beethovens neunter Symphonie in hoher und tiefer Lage sowie laut und leise. Die Ausbreitung der Rauchwolke wurde mit Spezialkameras aufgezeichnet und gemessen. Beteiligt am Versuch, der vom Freistaat Bayern gefördert wurde, waren die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, die Uniklinik Erlangen sowie der Bayerische Rundfunk.

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