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Kabarettist Wolfgang Krebs attackiert Impfverweigerer: „Es wird Zeit, dass die Vernünftigen laut werden“

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Von: Rudolf Ogiermann, Georg Anastasiadis

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Wolfgang Krebs
Ein Mann, viele Gesichter: Parodist und Kabarettist Wolfgang Krebs auf der Dachterrasse des Münchner Pressehauses – als (v. li.) Markus Söder, Edmund Stoiber und Hubert Aiwanger. © Foto: Marcus Schlaf

Wenn‘s um Impfverweigerer geht, wird Wolfgang Krebs sauer. Er sei darauf angewiesen, dass seine Zuschauer geimpft sind. Seine Vorstellungen musste der Kabarettist absagen.

München - Seinen ersten Stoiber lieferte er 2004 im Fasching, spontan, auf Drängen eines Moderators des Bayerischen Rundfunks. Und brachte damit den Saal zum Toben. Seitdem hat sich Wolfgang Krebs (55) als Parodist und Kabarettist einen Namen gemacht, auf der Bühne und im Fernsehen schlüpft er in die Rolle der wichtigsten bayerischen Politiker. Doch damit ist nun wieder einmal Schluss, viele Kleinkunstbühnen im Freistaat haben wegen der hohen Inzidenzen bis auf Weiteres ihren Betrieb eingestellt oder die Künstler spielen vor ganz kleinem Publikum. Ein Gespräch über Kabarett in Zeiten von Corona, über das Impfen und das Verhältnis zu seinen Figuren.

Ihre Kollegin Monika Gruber hat neulich in einer Talkshow gesagt, die 2G-Regelung spalte die Gesellschaft. Sehen Sie das auch so?

Wolfgang Krebs: Ich kann keine Spaltung erkennen, Spaltung heißt für mich 50 zu 50. Wenn aber 70 Prozent geimpft sind und vielleicht zehn Prozent sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, dann bleiben 20 Prozent Impfverweigerer übrig. Ich bin als Bühnenmensch aber darauf angewiesen, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer geimpft sind, denn nur so können wir wieder gefahrlos in Innenräumen zusammenkommen. Das ist auch eine Frage der Solidarität der Menschen mit uns Kulturschaffenden.

Für Sie sind die Ungeimpften vor allem unsolidarisch?

Krebs: Ja! Und zwar nicht nur die Ungeimpften, und nicht erst seit Corona. Seit fünf, sechs Jahren gibt es diese lautstarke Minderheit, die über Social Media die schweigende Mehrheit übertönt. Es wird Zeit, dass die Vernünftigen entweder auch mal laut werden oder dass wir alle zusammen Social Media als das ansehen, was es ist – eine bedeutungslose Randerscheinung.

Eines Ihrer anderen Ichs, Hubert Aiwanger, hat sich ja jetzt impfen lassen.

Krebs: Und – was hat er verloren? Nichts! Vielleicht ein paar anonyme Feiglinge, die sich auf Facebook und Instagram von ihm abgewandt haben, Die große Mehrheit bei uns ist geimpft, es macht schon Sinn, sich als Politiker auch einmal an der Mehrheit zu orientieren. (Lacht.)

Glauben Sie, er hat taktisch gehandelt, eben weil er auf der Seite der Mehrheit stehen will? Oder hat er sich überzeugen lassen?

Krebs: Schwer zu sagen. Es ist immer alles eine Frage der Kommunikation. Am Anfang gab es Leute, die am liebsten mit dem Anwalt ins Impfzentrum gefahren wären, damit sie ja zuerst drankommen. Wie damals auf der Titanic. Aber es gab auch immer diejenigen, die zurückhaltend waren, weil sie sich zu wenig informiert gefühlt haben. Dazu kam, dass Astrazeneca zwischendurch in Misskredit geraten ist. Viele waren verunsichert, dadurch ist ein Vakuum entstanden, das dann von selbst ernannten Wissenschaftlern und unprofessionellen Journalisten ausgefüllt wurde.

Wolfgang Krebs kritisiert Regierung: „Vielleicht war der Wahlkampf wichtiger“

Die aktuellen, strengen Regelungen für die Kultur – aus Ihrer Sicht alternativlos? Für viele kleine Bühnen könnte das der Todesstoß sein.

Krebs: Ich war als Wehrdienstleistender Sanitäter am Bundeswehrkrankenhaus hier in München und habe Menschen gesehen, die im Koma liegen und nur von Maschinen am Leben erhalten werden. Wenn du so etwas miterlebt hast, möchtest du nicht dazu beitragen, dass die Leute sich in deiner Vorstellung infizieren und vielleicht schwer erkranken.

Viele sagen jetzt, die Verantwortlichen hätten die Warnungen der Virologen schon im Sommer ernst nehmen und reagieren müssen. Stattdessen geht nun alles von vorne los.

Krebs: Ich habe tatsächlich im Juli eine Pressemitteilung des RKI in die Hand bekommen, da stand drin, dass die Inzidenzen im Herbst wieder sehr hoch sein könnten – von der damals unvorstellbaren Zahl 800 war die Rede. Ich dachte: Komisch, das müssen die Politiker doch auch mitbekommen haben. Aber vielleicht war der Wahlkampf wichtiger? Doch die Diskussion ist müßig, jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Lassen Sie uns über Markus Söder reden, eine Ihrer Lieblingsfiguren. Der war ja ein Jahr lang der Held, mittlerweile ist er, nicht nur wegen Corona, ein wenig in Ungnade gefallen. Wie übersetzen Sie das in Ihre Rolle?

Wolfgang Krebs: „Glaube, dass Söder die Sympathien wieder zurückgewinnt“

Krebs: Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob der parodierte Politiker gerade besonders beliebt oder besonders unbeliebt ist. Ich habe das zum ersten Mal bei Edmund Stoiber erlebt. Der wurde in jedem Bierzelt bejubelt, bis er die 42-Stunden-Woche für Beamte eingeführt hat. Ich habe damals kurze Zeit später bei der Bayerischen Finanzgewerkschaft gesprochen. Und da gab es bei meinem Auftritt Pfiffe, das war ich nicht gewohnt.

Wie haben Sie reagiert?

Krebs: Ich kann mich ja zum Glück in meine Figur zurückziehen und die sprechen lassen. Und das habe ich in dem Moment auch getan. (Macht Stoiber nach:) „Das ist ja eine Unverschämtheit, ich kann auch wieder gehen, meine Damen und Dings!“

Und den Unmut des Publikums spüren Sie jetzt bei Söder auch?

Krebs: Ja, ein bisschen schon, allerdings glaube ich, dass er die Sympathien der Menschen früher oder später zurückgewinnt. Ich war ja am Anfang auch sauer auf ihn, als er die Lage so dargestellt hat, als seien die Starkbierfeste die Pandemietreiber. Ich bin da sehr engagiert, ich habe mich – wie viele andere – in eine Ecke gedrängt gefühlt. Ich habe mich fürchterlich aufgeregt, als der Nockherberg nicht stattfinden durfte, ich habe ein Interview gegeben, für das ich mich heute nur entschuldigen kann. Damals hatte ich das Wissen nicht. Meine Kinder haben mich eingebremst und mir geraten, lieber den Experten zuzuhören…

Ihr Kollege Helmut Schleich lässt seinen Franz Josef Strauß über die Verzwergung der heutigen CSU lästern. Sie haben auch Stoiber, Günther Beckstein und Horst Seehofer im Repertoire – hätten die die Krise besser gemeistert?

Krebs: Das weiß ich nicht, da kann ich nur mutmaßen. Der Stoiber hätte sicher sofort alles gewusst über die Krankheit, der hätte den Problembären Corona erkannt und den Schießbefehl gegeben. (Lacht.) Beckstein hätte vermutlich viele moralische Appelle an die Bevölkerung gerichtet, Seehofer hätte nach jeder Besprechung eine neue Verordnung erlassen, so wie Jens Spahn in Berlin. (Lacht.) Markus Söder weiß als Jurist wenigstens, wie die rechtlichen Rahmenbedingungen sind. Aber ich habe auch schon gehört, dass Leute sagen: „Ich lasse mich nicht impfen, und wenn es nur deswegen ist, weil der Söder das sagt.“

Wolfgang Krebs
„Als er kann ich Dinge antippen“: Krebs als Edmund Stoiber. © Foto: Arndt Pröhl

Welche Rolle macht Ihnen am meisten Spaß?

Krebs: Ich habe nach wie vor eine große Freude am Stoiber, weil er nicht mehr so im Fokus steht. Und weil ich als er Dinge antippen kann und das Publikum genau weiß, was ich meine. Ich hatte übrigens neulich einen Auftritt, bei dem Edmund Stoiber im Publikum saß. Nach der Vorstellung kam er zu mir und meinte (macht Stoiber nach): „Herr Krebs, Sie sehen, das sind Töne, die will man in Bayern wieder einmal hören.“

Sie ziehen die Politiker durch den Kakao, aber so, dass sie am Ende sympathischer werden…

Krebs: Ich merke, dass ich sauer werde, wenn ich Klartext rede. Die Figuren bremsen mich. Wenn ich mich über irgendetwas aufrege, dann klingt das schärfer, wenn ich es sage, als wenn ich es eines meiner anderen Ichs sagen lasse. Die Parodie macht alles fürs Publikum besser verträglich. Indem ich die Perücken wechsele, kann ich verschiedene Perspektiven einnehmen. Und darin liegt auch eine Chance. Wir werden nicht weiterkommen, wenn wir uns permanent unsere eigenen Wahrheiten um die Ohren hauen, wir müssen aufeinander zugehen.

Auf dem Nockherberg suchen sie gerade einen neuen Söder, Stephan Zinner hört ja auf. Reizt sie das?

Krebs: Ich habe 2014 durch meinen Ausstieg als Horst Seehofer ein paar Leute brüskiert und eine Entscheidung getroffen, die ich rückblickend so nicht mehr treffen würde. Das tut mir heute leid. Insofern weiß ich nicht, ob die mich auf dem Zettel haben. Der Söder auf dem Nockherberg braucht auf jeden Fall einen bewegungsfreudigen, gut ausgebildeten Schauspieler, der singen und tanzen kann. Ich bin sehr gespannt, wer es wird. Der Zinner hat das schon sehr gut gemacht, an ihm wird jeder Nachfolger gemessen werden.

Horst Seehofer und Wolfgang Krebs
Der Politiker und sein Double: Krebs (li.) mit Horst Seehofer beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg im Jahr 2012. © Foto: Tobias Hase/dpa

Sie würden es sich zutrauen?

Krebs: Man muss Herausforderungen annehmen, wenn sie auf einen zukommen.

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