Cosima-Wagner-Biografie: Vom Ehemann besessen

Bayreuth - Sie war mehr als die Nachlassverwalterin ihres Komponistenmannes: Cosima Wagner, so meint Autor Oliver Hilmes, machte Bayreuth zum Zentrum der unkritischen und reaktionären Richard-Verehrung.

Richard oder Siegfried hin, Wieland oder Wolfgang her: Die Geschichte der Bayreuther Festspiele ist eine Geschichte der starken Frauen. Frauen, die ihre Männer ersetzen mussten wie Siegfrieds Witwe Winifred. Man denke dabei auch an die aktuelle Situation: Da sitzt, so erzählt man sich, Gudrun Wagner, die zweite Frau des 87-jährigen Chefs Wolfgang, längst an den Hebeln der Macht und wird daher ehrfürchtig mit dem Titel "Chefin" angeredet.

Doch jenes Bayreuth mit seiner "Blutrünstigkeit und Weihrauchmuffelei", mit Besuchern im "unnatürlich gesteigerten, hysterisch verzückten Zustand", so seinerzeit eine Brahms-Schülerin, ist vor allem das Werk einer, nämlich der "hohen Frau": Cosima Wagner. Nach dem Tod ihres Komponistengatten verwaltete sie nicht nur das Erbe, sondern machte Bayreuth zum Zentrum der bedingungslosen Richard-Vergötterung, auch des Antisemitismus und der Deutschtümelei. Vom einstigen Hort des Theaterexperiments war bald nichts mehr zu spüren, wie Autor Oliver Hilmes nachzeichnet. Sein Buch "Herrin des Hügels" ist mehr als staubtrockene Historienmalerei, sondern ein hochspannender Biografie-Schmöker. Das liegt zum einen an Hilmes‘ farbigem, flottem Stil, vor allem natürlich an seinem Untersuchungsobjekt. Hilmes untermauert seine Cosima-Schilderungen gern und ausführlich mit Psychologischem. Denn bedingt durch ihre strenge Erziehung habe sich ein "Selbstwertkonflikt" und eine "gestörte Identität" herausgebildet. Cosimas Person verschwand bald völlig hinter dem Werk Richards. Sie stilisierte sich zur Hohepriesterin oder zur "Äbtissin" der Wagner-Gemeinde, zur alleinigen Besitzerin der Weisheit, wie Wille und Werk des Meisters auszulegen seien. Zugleich sei sie besessen gewesen von einem "moralischen Masochismus", der - bedingt durch manch bigotte Lektüre - in der "Wollust des Leidens" Erfüllung fand.

Alles hatte sich den Festspielen unterzuordnen. Cosimas homosexueller Sohn Siegfried Wagner, der endlich heiraten musste, um die Erbfolge zu sichern. Oder Tochter Isolde, die zwar ein gemeinsames Kind mit Richard war, aber aus dynastischen Gründen per Prozess "entwagnert" und Cosimas erstem Mann Hans von Bülow "zugeschlagen" wurde. Sogar Cosimas Vater Franz Liszt wurde ein Opfer Bayreuths, als sie ihm die Sterbesakramente verweigerte und nur eine unwürdige Beerdigung gestattete - die gerade laufenden Aufführungen sollten schließlich nicht "gestört" werden. Am besten gelingt Oliver Hilmes der Abschnitt Cosima/Richard, die Schilderung einer pathologischen Gattenliebe mit dem filmreifen Finale, als Cosima nicht von der Leiche Richards lassen wollte und eine Nacht neben ihr im Bett verbrachte. Dank Hilmes‘ intensivem Quellenstudium und dem Hang zu Geschichtchen statt Geschichte gewinnt Cosimas Charakterzeichnung große Tiefenschärfe. Und es wird deutlich, wie weit sich Bayreuth von den einstigen Plänen wegbewegte, war es doch eigentlich als Volksfestspiel gedacht.

Richard Wagner sei nur noch "Trägermasse für den Geist von Bayreuth" gewesen, über den das "Politbüro" um Cosima wachte, meint Hilmes. Ein Personenkreis, der sich zunächst dem Träumer Ludwig II., später dem nationalistischem Wilhelm II. an die Brust warf und schließlich vor dem Sündenfall nicht zurückschreckte: Ein Foto zeigt, wie Adolf Hitler von Winifred Wagner vor dem Festspielhaus freudig begrüßt wurde.

Oliver Hilmes:

"Herrin des Hügels". Siedler Verlag, München, 494 Seiten; 24,95 Euro. Der Autor stellt sein Buch morgen, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus vor.

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