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„Ich sehe mich weniger als Sänger, eher als Musiker im Allgemeinen“: Bejun Mehta, Countertenor, Cellist und Dirigent.

IM INTERVIEW

Countertenor Bejun Mehta als Dirigent: „Es ist der richtige Zeitpunkt“

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Dirigieren, das ist für Countertenor Bejun Mehta kein Aufbruch ins Unbekannte, sondern Rückkehr. Eine Begegnung in München.

Berlin/ München - Sänger, die sich noch zum Dirigenten berufen fühlen, das kann nicht besonders gut ausgehen – wie man im vergangenen Sommer bei Plácido Domingo am Pult der Bayreuther „Walküre“ erlebt hat. Bei Bejun Mehta, einem der bekanntesten Countertenöre unserer Zeit, ist das anders. Für den 50-jährigen US-Amerikaner mit Wohnsitzen in Berlin und New York ist der Griff zum Taktstock so etwas wie eine Rückkehr.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie wieder mit dem Dirigieren anfangen, wenn die richtige Zeit dafür ist. Wann ist das passiert – und warum?

Mehta: Das war vor etwa drei Jahren. Bis dahin hatte ich genug musikalische Erfahrungen auf vielen Ebenen gesammelt. An der Uni mit dem Cello, das ich auch in großen Orchestern gespielt habe. Schon damals begann ich auch zu dirigieren, bis ich mich zu hundert Prozent dem Gesang widmete. Nach etwa fünfzehn Jahren Gesangskarriere kamen die ersten Angebote für Meisterkurse, irgendwann erhielt ich wieder ein Angebot fürs Dirigieren. Ich strebte das gar nicht aktiv an. Aber als diese Anfrage kam, wusste ich: Es ist der richtige Zeitpunkt.

Bei regieführenden Sängern heißt es immer: Sie verstehen genau, was die Kollegen auf der Bühne brauchen. Was kann man als dirigierender Sänger besser als andere Dirigenten machen?

Mehta: Bisher hatte ich noch nicht die Chance, andere Sänger zu dirigieren. Als Sänger habe ich öfters erfahren, wie viel besser alles läuft, wenn der Dirigent etwas vom Atmen versteht und selbst richtig atmet. Das hat auch eine enorme Wirkung auf den Klang. Außerdem weiß ich, dass Sänger nicht nur Unterstützung und Freiheit brauchen. Gerade in der Barockmusik benötigen sie eine ziemlich strenge Struktur, dann können sie ihre Phrasierung und Verzierungen besser einbringen.

Der Barock zählt mittlerweile zum Standardrepertoire. Hätten Sie es als Sänger heute leichter, eine Karriere zu beginnen?

Mehta: Was das Fach des Countertenors betrifft: ja, weil es viele Vorbilder gibt. Aber sonst: nein. Die Branche ist in Schwierigkeiten geraten. Die finanziellen Rahmenbedingungen sind andere. Es gab und gibt ja immer eine Star-Schicht. Entscheidend sind aber die Ebenen darunter. Und für diese Kollegen sieht es nicht gut aus. Außerdem werden Sänger-Karrieren immer kürzer. Der Markt verlangt dauernd nach dem Neuen, Ungewöhnlichen, Jungen, Noch-nie-Dagewesenem. In meiner bisher 20-jährigen Karriere habe ich enorm viele Sänger erlebt, die nur kurz da waren und sofort wieder weggespült wurden. Das geht sogar so weit, dass jüngere Sänger eine längere Karriere gar nicht mehr erwarten und sich danach ausrichten.

Hatten Sie mal den Gedanken: In zehn Jahren mache ich etwas ganz anderes?

Mehta: Die richtigen Sachen kommen von selbst. Gesang ist in der Musik das größte Geschenk überhaupt. Wer es bekam hat, soll es nützen, so lange es geht. Eines Tages werde ich merken, dass ich mit der Stimme nicht mehr so umgehen kann, wie ich mir das vorstelle. Dann, klick, mache ich etwas anderes.

Rein vernunftmäßig kann man sich das vornehmen. Aber wenn dann die Situation da ist...

Mehta: Reden wir in zehn Jahren nochmals darüber. (Lacht.)Vielleicht bin ich naiv. Ich denke aber, dass ich das schaffe. Ich hatte schon als Sängerknabe eine tolle Karriere. Als der Stimmbruch kam, wendete ich mich anderen Dingen zu, eben dem Cello. Ich bin also schon kleine Karrieretode gestorben. Außerdem sehe ich mich weniger als Sänger, eher als Musiker im Allgemeinen. Ich habe nicht mit dem Dirigieren wieder begonnen, um den nächsten kleinen Karrieretod auszugleichen. Das gibt mir einfach die Möglichkeit, tiefer in die Musik einzutauchen. Außerdem bin ich zu sehr Perfektionist. Ich will es mir nicht erlauben, auf die Bühne zu gehen mit ungenügenden vokalen Voraussetzungen. Ich habe auch kein Interesse daran, in einer solchen Phase kleinere, leichtere Partien zu übernehmen.

Ist das gerade ein Déjà-vu für Sie? Am Anfang waren Sie als Countertenor ein Exot, jetzt sind Sie es als
dirigierender Sänger.

Mehta: Ein bisschen. Meine Karriere als Sänger hat wahnsinnig schnell begonnen, auch dank mehrerer toller Zufälle. Jetzt verhalte ich mich aber anders. Ich nehme mir vor, die Fehler nicht zu machen, die mir als Sänger passiert sind.

Die wären?

Mehta: Da fällt mir immer ein Beispiel ein: Ich bekam ganz am Anfang meiner Counter-Karriere ein Angebot von der New Yorker Met für Brittens „Sommernachtstraum“. Alle in meinem Umfeld sagten: „Wahnsinn, irre, das musst du machen!“ Ich kannte die Partie nicht, ich war neu im Business und wusste tief in meinem Innern: „Lass’ das.“ Ich tat es trotzdem, unter anderem weil ich auf die Agenten vertraute. Ich war also Cover für David Daniels und bekam zwei Vorstellungen am Ende der Serie – ohne Probe. Und plötzlich war ich in der Kulisse vor dem ersten Auftritt, direkt vor meiner Nase die Tür. Und als sie aufging, war da die Met in ihrer ganzen Größe. Ich war geschockt: das erste Mal mit dem Orchester, das erste Mal auf der Bühne überhaupt! Und Rollendebüt! Unter den Voraussetzungen habe ich es, so glaube ich, ganz gut gemacht. Aber es war keine Sternstunde. Die Leute waren nicht über-, sondern unterwältigt. Und dann musste ich jahrelang diesen Eindruck an der Met quasi löschen, was mir am Ende gelungen ist. Ich hätte dieses Engagement nie annehmen sollen. Und ich wusste: So etwas wird dir nie wieder passieren.

Ein großes Problem ist nur: Sie haben jetzt keine Zeit mehr fürs Regieführen.

Mehta: Regie, das könnte mir schon noch passieren. Aber ich fühle mich eigentlich nicht berufen, auch wenn der Schritt an sich nicht so groß wäre. Ich kann schon selbst die Personenführung für mich übernehmen, wenn der Regisseur zu unklar ist. Und bei sehr guten Regisseuren reizt es mich, ihre Ideen umzusetzen. Aber insgesamt sehe ich mich als Solist, als einer, der sich aktiv in der Musik bewegt und nicht von außen etwas auf die Bühne bringt. Ich bin ein Performer.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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