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Franco Fagioli stammt aus Argentinien und ist der zurzeit führende Countertenor.

Interview mit Countertenor Franco Fagioli

Stolz und Vorurteil

München - Im Oktober 2013 war Franco Fagioli in der Gärtnerplatz-Produktion von Händels „Semele“ zu hören. Die fiel in eine Zeit, in der die Karriere des Countertenors immer steiler anstieg. Gerade überrascht der 35-Jährige mit einer ungewöhnlichen Rossini-CD, am 12. Februar ist er in München zu erleben. Wir trafen ihn zum Gespräch. 

Gleich zwei argentinische Klassikstars an einem Morgen! In der Hotellobby saß gerade Sol Gabetta…

Franco Fagioli: Oh, ich wusste gar nicht, dass sie auch da ist, sonst hätte ich sie gerne begrüßt! Ich bin meinem Heimatland immer noch sehr verbunden, ganz besonders natürlich dem Teatro Colon in Buenos Aires. Dort habe ich angefangen zu studieren, es gibt dort nämlich eine angeschlossene Hochschule. So habe ich meine ersten Opernerfahrungen auf dieser traditionsreichen Bühne sammeln dürfen.

Die Akustik dieses Theaters ist weltberühmt, obwohl es riesig ist und Platz für über 3000 Menschen bietet. Hatten Sie da als Countertenor in einer so frühen Phase der Karriere nicht auch Angst um Ihre Stimme?

Franco Fagioli: Da gibt es eine nette Geschichte. Die zweite Runde der Aufnahmeprüfung für die Hochschule war im Teatro Colon. Dafür mussten wir eine ganze Opernrolle auswendig können und wussten nicht, was wir daraus genau singen sollten. Man steht dann auf der Riesenbühne vor dem riesigen schwarzen Zuschauerraum, sieht niemanden, weiß aber, dass die ganzen Lehrer im Haus verteilt sitzen. Um da nicht vollkommen die Nerven zu verlieren, schlich ich mich vorher in den leeren Saal und machte nur das (summt leise einen Ton). Da wusste ich: Okay, das Theater mag mich. (Lacht.) Die Akustik in Europa dagegen ist interessanterweise häufig etwas trocken.

Auf Ihrer akuellen Rossini-CD singen Sie Arien aus Opern, die selten bis nie gespielt werden. Waren diese Werke Ihnen schon vorher geläufig?

Trafen sich in München: Franco Fagioli und MM-Mitarbeiter Maximilian Maier.

Franco Fagioli: Einige ja. Ich wollte damit den Verbindungen zwischen Rossini und mir nachspüren. Als Counter hat man meist eine intensive Beziehung zum Barock, auch ich liebe diese Musik sehr. Aber in meiner Heimat waren die Bezüge zum Belcanto-Repertoire viel stärker. Auf diese Musik hin sind wir auch technisch erzogen worden. Deswegen ist mir Rossini sehr nahe, weil es eine Mischung zwischen dem Belcanto, der alten Neapolitanischen Schule und der Melancholie der alten Kastraten ist. Die Kastraten gab es allerdings damals nicht mehr, wenn wir von Giovanni Velluti absehen, für den Rossini auch geschrieben hat. Deshalb werden in vielen seiner Opern die Helden von Mezzosopranen übernommen.

Noch vor Ihrer Karriere haben Sie zum Spaß Frauenstimmen nachgesungen. Das Counter-Fach kannten Sie damals gar nicht, bis Sie zufällig einen solchen Sänger hörten und dachten: Das kann ich auch! Ist die CD eine Reise zu Ihren Anfängen?

Franco Fagioli: Ja, Mezzosoprane waren meine Inspiration für den Klang, den ich erzeugen wollte. In gewisser Weise waren sie meine virtuellen Lehrer.

Wo liegen die klanglichen Unterschiede zwischen Mezzosopranen und Countertenören?

Franco Fagioli: Natürlich singen die Mezzos immer im „normalen Stimmumfang“, während wir im Vergleich zu unserer Sprechstimme in komplett anderen Regionen unterwegs sind. Ansonsten ist es eine sehr persönliche Sache. Einerseits geht es um die Veranlagung, andererseits um die Technik. Durch meine Belcantoschule habe ich nie aktiv versucht, wie ein Counter zu singen. Nicht jeder von uns kann so klingen wie ein Mezzosopran.

Wie weit kann eine Verschmelzung gehen? Würden Sie auch Cherubino, „Ariadne“-Komponist oder Oktavian singen?

Franco Fagioli: (Lacht.) In Deutschland fragen sie mich das immer. Ich sage dann jedes Mal: auf keinen Fall! Und in meinem Kopf sagt eine Stimme: Aber Oktavian ist so wunderschön! Auch hier würde ich wieder meinen, dass es eine sehr subjektive Sache ist. Der Stimmumfang ist bei den Countertenören genauso individuell wie in den „normalen“ Fächern. Ich fühle mich einfach dem Italienischen näher als etwa Strauss. Darum denke ich nicht, dass ich den Oktavian singe werde. Grundsätzlich wäre es möglich. Cherubino habe ich schon gesungen, auch Hänsel und Oratorien von Bach. Im Studium habe ich viel deutsches Lied gelernt, das normalerweise von Mezzos gesungen wird. Häufig ist all das weniger eine Frage des Könnens oder Möglichen, mehr eine von Vorurteilen.

Gibt es eine gewisse Vorsicht von den großen Opernhäusern den Countertenören gegenüber?

Franco Fagioli: Die gibt es, aber das ist okay. Für mich ist nur wichtig, dass genau hingehört wird, bevor Urteile gefällt werden. Nicht alle Countertenöre sind für jede Rolle geeignet. Da muss man genauso unterscheiden wie bei jedem Fach auch.

Information

Das Konzert findet am 12. Februar im Prinzregententheater statt (Telefon 089/ 93 60 93). 

Das Gespräch führte Maximilian Maier.

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