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„Nach irgendwelchen Marktnischen suche ich nicht“: Xavier Sabata (40) startete erst relativ spät seine Gesangskarriere.

Gespräch zur Premiere und zur aktuellen CD

Countertenor Xavier Sabata: „Wir sind keine Engel“

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Augsburg - Nur mit Barockmusik gibt sich Countertenor Xavier Sabata nicht zufrieden - auch wenn er auf seiner aktuellen CD „Catharsis“ dieses Repertoire bedient. In Augsburg steht der Katalane derzeit in der zeitgenössischen Oper „Kaspar Hauser“ auf der Bühne.

Eigentlich war diese Augsburger Premiere als szenische Produktion geplant. Doch wegen der Theatersanierung gibt es Hans Thomallas vor einem Jahr uraufgeführte Oper „Kaspar Hauser“ nur halbkonzertant. Im Mittelpunkt steht der katalanische Countertenor Xavier Sabata – als Sänger ein Spätstarter. Der polyglotte Künstler (er spricht ausgezeichnet Deutsch) beweist, dass man in diesem Stimmfach auch außerhalb des Barock Erfolg haben kann – und dass man durchaus mal erotische CD-Cover riskieren darf wie auf seiner aktuellen Scheibe „Catharsis“.

Wie stark konnten Sie Einfluss auf die Partie des Kaspar nehmen und sie Ihrer Stimme anpassen?

Xavier Sabata: Hans Thomalla und ich haben vier Jahre lang intensiv zusammengearbeitet. Ich kannte vorher nur Truffauts Film „Wolfsjunge“, eine ähnliche Handlung, und war von der Geschichte um Kaspar Hauser begeistert. So sehr, dass ich die Musik fast zweitrangig fand – obwohl das nicht fair ist gegenüber dieser wunderbaren Partitur. Die Energie, die von dieser Geschichte ausgeht, faszinierte mich sehr. Und nun ist ein in jeder Hinsicht intelligentes Stück dabei herausgekommen.

Derzeit tummeln sich viele Countertenöre auf dem Markt. Wie schwer ist es, eine Nische zu finden und sich zu behaupten?

Sabata: Ich suche nicht nach irgendwelchen Nischen. Ich versuche, ich selbst zu sein. Und es klappt: Ich bin 40, habe schöne Angebote, muss auch nicht immer nur das Standardrepertoire singen... Wenn ich Barockmusik mache, fühle ich mich Senesino nahe, weil er ein Alt-Kastrat war. Wir haben einen ähnlichen Tonumfang. Mir geht es aber um etwas anderes. Da ich zunächst Schauspieler war, ist Theater an sich für mich das Wichtigste, der Charakter einer Rolle, nicht irgendeine Epoche oder ein Stil.

Sie sind mit 26 spät in die Gesangskarriere gestartet. Hatten Sie jemals Probleme, sich zu Ihrer hohen Männerstimme zu bekennen? Es gibt Kollegen, bei denen das der Fall war.

Sabata: Bei mir war das anders. Ich musste erst meinen Platz finden. Ich habe ein bisschen Philosophie studiert, Saxofon gespielt, hatte viele Engagements als Schauspieler... Ich war glücklich. Aber dann fühlte ich, dass das nicht mein eigentliches Berufsziel war. Für mich war es immer sehr einfach, mit Kopfstimme zu singen. Da habe ich alle meine Engagements als Schauspieler abgesagt und bin nochmals in die Musikhochschule. Schon im ersten Jahr riet man mir dort, dem Barockdirigenten William Christie vorzusingen – und es hat geklappt. Ich bekam dadurch das Gefühl, nie zu früh irgendetwas zu machen, sondern immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Ist es kompliziert für Opernregisseure, mit Ihnen zu arbeiten, gerade weil Sie vom Schauspiel kommen?

Sabata: Ich glaube, ich mache es ihnen sogar zu einfach. Als mich Regisseur Frank Hilbrich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, bei „Kaspar Hauser“ im Schlamm zu spielen, habe ich gleich Ja gesagt. Ich fand die Idee toll, weil Kaspar anfangs kein Mensch ist, sondern wie ein Material. Ich mag es nicht, wenn Inszenierungen zu statisch sind. Deshalb singe ich auch nicht so häufig Konzerte. Einfach dazustehen mit den Noten in der Hand, das hemmt mich. Außerdem erinnern sie mich daran, was ich falsch mache...

Auf Ihrem aktuellen CD-Cover sind Sie im Wasserstrahl zu sehen, Werbe-Videos zeigen sie im Unterhemd oder mit hochgekrempelten Ärmeln, die Ihren Bizeps entblößen – Sex sells?

Sabata:  (Lacht.) Die Idee für das Cover war, mit einem starken Element zu arbeiten, mit Wasser. Natürlich will ich mich auch verkaufen. Aber ich habe das aus einer eher naiven Überlegung heraus gemacht, nicht aus großen Marketing-Gründen. Die Energie der Arien und Szenen soll auch über das Cover spürbar werden. Im Fall von Frauen sind erotische Motive nie ein Thema – sollen wir Männer immer nur im schwarzen Anzug posieren?

Müssen da Countertenöre etwas aufholen? Wird ihnen die maskuline Erotik versagt?

Sabata: Ja. Ich mag nicht dieses Image der Countertenöre, die oft als Besitzer von Engelsstimmen gesehen werden. Wir sind keine Engel, das ist doch langweilig. Ich finde Barockmusik sehr sexy. Es geht da nicht um „korrekte“ Schönheit oder um nur artifizielle Effekte. Im Vorfeld meiner früheren CD „Bad Guys“ dachte ich mir: Ich will kein Recital mit üblichen Helden-Arien herausbringen. Ich verfolge nie ein musikwissenschaftliches Konzept, die CD soll als kleines Gesamtkunstwerk etwas mit meinem Leben zu tun haben.

Sie als „Bad Guy“?

Sabata: Äh, nein. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einfach viele Bösewichter gesungen. Außerdem können böse Buben menschlich sein – und lieben. Übrigens mag ich es auch, eine Frau zu spielen. Nicht als Drag Queen. Die eigentliche Aufgabe ist es immer, glaubwürdig in seinen Rollen zu sein. Manche Männer wollen immer nur stark und viril sein auf der Bühne. Dabei widerspricht das doch dem realen Leben.

Vorstellungen
von „Kaspar Hauser“ im Augsburger Textilmuseum, Provinostr. 46; Telefon 0821/ 324 49 00.

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