Flirtet gekonnt mit dem Publikum: Michele Cuciuffo hat sichtlich Spaß auf der Bühne und am Mikrofon. foto: thomas dashuber

Im Marstall

Cuciuffo kann Conte

München - Im Münchner Marstall interpretiert der Schauspieler des Residenztheaters Hits des italienischen Liedermachers.

Ein Paolo-Conte-Liederabend ohne Paolo Conte also. Den verspricht Residenztheater-Ensemblemitglied Michele Cuciuffo bei der Premiere seines Programms „Michele singt, Paolo Conte nicht“ – ein bisschen Kalauer darf sein.

Nun sind Liederabende, die sich dem Werk etablierter Singer-Songwriter widmen, nicht weiter ungewöhnlich. Aber mit Paolo Conte ist das so eine Sache. Conte-Lieder ohne Conte-Stimme, das ist zunächst ein befremdliches Gefühl. Zu sehr verbindet man das krächzend hingeschlonzte Brummen des 78-jährigen Italieners mit seinen Hits. „Via con me“ ohne das unverwechselbar gegrunzte Intro von Conte – schwer vorstellbar. Doch Michele Cuciuffo versucht im ausverkauften Marstall gar nicht erst, den eigenwilligen Bassbariton des Vorbilds nachzuahmen, sondern wirft sich mit sympathischer Chuzpe in eine sehr eigene, persönliche Interpretation.

Clever startet er dabei mit „Azzurro“, jenem Welthit, den Conte Adriano Celentano, dem anderen berühmten italienischen Brummbären, auf den Leib geschrieben hatte. Man muss also erst mal gar nicht an Conte denken, und Cuciuffo nutzt diesen Akt der Überrumpelung geschickt, um sich selber ein bisschen Mut anzusingen. Und tatsächlich gelingt es ihm rasch, Präsenz zu entfalten. Man denkt nicht mehr ständig an das dauerheisere Organ des Originals.

Mit Charme und dem Glück, über ansteckend gute Laune zu verfügen, entert Cuciuffo den Saal und hat ihn mit jedem weiteren Lied immer fester im Griff. Spätestens ab der schräg-faszinierenden Interpretation von „Hemingway“ denkt keiner mehr darüber nach, wie Conte das gesungen hat.

Mit einer engagierten Band im Rücken spielt sich Cuciuffo mit zunehmender Dauer regelrecht in Rage. Seine vier Mitmusiker sind Cuciuffos Pfund, mit dem er wuchert. Versierte Multi-Instrumentalisten allesamt, die es Arrangeur Peter Wegele ermöglichen, verblüffende Versionen hinzuzaubern. Mitunter klingt das erfrischend brachial, vor allem in der zweiten Hälfte. Schauspielkollege Aurel Manthei zerdeppert am Schlagwerk beim furiosen „Diavolo Rosso“ sogar hingebungsvoll seine Schlagzeugstöcke, bis die Splitter fliegen – ohne sich freilich aus der Ruhe oder gar dem Takt bringen zu lassen. Cuciuffo hat viel Spaß auf der Bühne, und der überträgt sich auf das Auditorium, das – für München außerordentlich ungewöhnlich – beginnt, mit dem Künstler zu kommunizieren. Der geht souverän darauf ein und flirtet gekonnt mit seinem Publikum. Liederwünsche werden ebenso frech wie freundlich abgewiesen: „Was glaubt ihr, wie viele Lieder wir auf der Pfanne haben? Als nächstes wollt ihr ,Vielen Dank für die Blumen‘ von Udo Jürgens.“ Stattdessen kommt im Zugabenblock das Lieblingslied von Cuciuffos Nichte, „Zio“, denn das haben die Herren einstudiert. Nach 90 wunderbaren, entspannten und lustvollen Minuten ist dann Schluss – und Cuciuffo schickt nach dem Abgang noch ein deutlich vernehmbares Jauchzen der Freude aus der Garderobe nach. Wer die Premiere verpasst hat: Michele Cuciuffo singt am 23. März wieder Conte. Womöglich hat er dann in der Zwischenzeit noch das ein oder andere weitere Lied im Repertoire. Ein bisschen länger hätte es nämlich ruhig gehen können.

Zoran Gojic

Nächste Vorstellung

am 23. März, weitere Termine in Planung;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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