Anca Dunga, die ihre Filme unter ihrem Mädchennamen Anca Miruna Lazarescu dreht. Foto: Nina Praun

Von Dachau auf den roten Teppich in Berlin

Dachau - Ein ehemalige Flüchtlingskind läuft an diesem Samstag in Berlin über den roten Teppich. Anca Dunga ist bei der Berlinale für einen Goldenen Bären im Bereich Kurzfilm nominiert.

Jedes Jahr im Herbst, nach den Sommerferien im rumänischen Timisoara, als wieder einige Schüler einfach verschwunden waren - da wurden hinter vorgehaltener Hand die Geschichten erzählt. Anca Dunga lauschte ihnen auf dem Pausenhof. Geschichten über die bösen Männer von der Securitate, über schlimme Dinge, die denen passieren, die es nicht über die Grenze schaffen. Und über die Freiheit - in Deutschland, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Heute lebt Anca Dunga in Deutschland. In Dachau, am grünen Stadtwald, in einem Häuschen mit Garten. In Ruhe und Frieden. „Hier habe ich ein Stück Zuhause gefunden“, sagt Anca Dunga und lächelt warm. Sie ist angekommen - in Deutschland, und in der Filmbranche. Anca Dunga ist Drehbuchautorin und Regisseurin, und sie ist erfolgreich: Ihr neuer Film ist nominiert, auf der Berlinale, für den Goldenen Bären im internationalen Kurzfilmwettbewerb. „Es ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Anca Dunga und lacht. Wie im Film. Das ehemalige Flüchtlingskind läuft an diesem Samstag in Berlin über den roten Teppich. Sieht ihren eigenen Film auf großer Leinwand. „Stille Wasser“ heißt er, eigentlich „Apele Tac“, auf Rumänisch. Es ist ihr Abschlussfilm, studiert hat sie an der Münchner Filmhochschule. Die Handlung: eine Flucht aus Rumänien, mit dem Ziel Deutschland. Es ist nicht ihre eigene Geschichte, die Anca Dunga verfilmt hat, aber sie ist echt. Ein Freund der Familie hat sie erlebt. Einer, der mittlerweile auch in Dachau lebt. Es war 1987. Die dunkelsten Jahre der Diktatur Ceausescus. Ein Postbote plante damals mit einem Kollegen die Flucht: Sie wollten die Donau durchqueren. Den schwarzen Fluss, mitten in der Nacht. Schon immer hat sich Anca Dunga gedacht: „Da muss man was draus machen.“

Nun hat sie es getan - und es hat funktioniert. Es ist ein historischer Film, sagt die 32-Jährige, aber kein Schinken, in dem „die Kostüme so laut knistern, dass sie alles andere übertönen“. Eigentlich hat die Dachauerin Dokumentarfilm studiert, bis sie merkte, dass sich die Vergangenheit schwer dokumentieren lässt - nur Archivbilder und nachgestellte Szenen? Zu steif. Also wechselte sie ins Spielfilmfach. Der Anspruch der Filmemacherin heißt: Authentizität. Und: Beiläufigkeit. „Ich mag das Aufgezwungene nicht.“ Vielleicht trifft sie ja damit genau den Geschmack der Jury der Berlinale Shorts.

von Nina Praun

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