Dackel, Schwein und böser Wolf

- Ein Weihnachtsgeschenk machten die Münchner Kammerspiele ihrem Publikum. Und da die Zeit der Bescheidenheit, nicht nur der materiellen, angebrochen ist, begnügte sich das städtische Theater mit einem Stück, das eigentlich auf die Boulevardbühnen gehört. Jedenfalls in München, wo es zwei davon gibt. Doch warum nicht Alan Ayckbourns Komödie "Schöne Bescherungen" einmal auch im Subventionstempel spielen, zur Aufbesserung von Besucherzahlen und Einnahmen und unter Anwendung der dort zur Verfügung stehenden, noblen Instrumentarien, des Luxus' eines großen Hauses?

<P>Alles erlaubt, wenn denn eine Aufführung zustande kommt, die in ihrer Qualität den Abstecher zu den so genannten Well-Made-Plays rechtfertigt. Diesen Versuch unternahm jetzt zur Freude des Premierenpublikums Regisseurin Karin Beier. Und blieb im glatten, weißen Bühnenbild, das die exquisite Wohnhalle einer gut situierten britischen Familie zeigt, immer schön an der makellosen Oberfläche. Da entfaltet Beier ihren Witz und ihr beachtliches handwerkliches Können, das so ein Pingpong der Pointen und Situationschaos der Weihnachtsgestressten erfordern.</P><P>Die Verpackung also stimmt, genauso wie bei den Geschenken, die unter dem kitschig-schönen Christbaum liegen. Und wenn einmal an ihrer Oberfläche gekratzt wird, ist nichts Wesentliches dahinter. Wie bei diesem Spiel der Schauspieler, die allesamt gut sind, doch von der Regisseurin in ihrer Eindimensionalität belassen und nie zu den abgründigen Tiefenschichten ihrer Figuren geführt werden. Stattdessen wird mit zunehmender Behäbigkeit in die Breite gespielt.</P><P>Eine Komödie sei eine abgebrochene Tragödie, wird Ayckbourn im Programmheft zitiert. Aber genau diese Gleichzeitigkeit, dieser immer drohende Absturz ins Tragische, der im letzten Moment durch ein schnelles Lachen abgewendet werden kann, diese existenzielle Not dieser Menschen bleibt die Inszenierung schuldig. Entweder ist man ernst und gar nicht komisch: wie Caroline Ebner als verklemmter Blaustrumpf Rachel und Robert Dölle als ihr glutäugiger Hispano-Dichter Clive. Oder man spielt Klamotte ohne Ernst wie Stefan Merki als geschäftsuntüchtiger Eddie. Die anderen gehen mit Erfolg den goldenen Mittelweg und bedienen versiert die Leichtigkeit ihres Seins: Katharina Schubert als patente Hausfrau Belinda mit Liebesdefizit, Gundi Ellert als stille Säuferin Phyllis mit Küchenambition, Annette Paulmann als maulende Mutter Pattie mit schwangerem Bauch, Jochen Noch als ungerührter Bastler und Hausherr Neville, der seine Gäste und die Zuschauer immer wieder mit elektronisch gesteuerten Scherzchen überrascht, und Michael Wittenborn als durchgeknallter, herumballernder Onkel Harvey, der von der Verbrecherjagd, die einmal sein Beruf war, nicht lassen kann.</P><P>Fehlt noch einer, und der ist in aller Zurückhaltung die Ausnahme in dieser polierten Produktion: Stephan Bissmeier in der Rolle des Harvey. Als Arzt ein grandioser Versager, der nicht einmal einen Toten von einem Lebenden unterscheiden kann, und als Marionettenspieler und Stückeschreiber, als der er jeweils zu Weihnachten die Verwandten beglückt, ein gänzlich Unverstandener. Eine hochtragikomische Figur von scheuer Heftigkeit. Es ist die beste, die verrückteste, die absurdeste Szene, die gleichsam auch noch die Widersprüchlichkeit des eigenen Theaterberufs beinhaltet: Wenn Bissmeier als der stille Harvey förmlich aus sich herausplatzt, wenn er als Strippenzieher für kurze Momente Postbote, Schwein, Dackel und böser Wolf sein darf und doch merkt, dass er damit nie ans Ziel kommt.</P><P> </P>

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