"Dada-Nachfahre" und Wortakrobat

- Berlin - Ein "Magier der Sprache" ist tot. Der Lyriker und "Lautmaler" Oskar Pastior, ein "Poet der Moderne" und "Dada-Nachfahre", starb überraschend am Mittwochabend im Alter von 78 Jahren in Frankfurt am Main, wo der Berliner Rumäniendeutsche an der Buchmesse teilnahm. Er galt als einer der renommiertesten Lyriker der Gegenwart. Am 21. Oktober, einen Tag nach seinem 79. Geburtstag, sollte ihm in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis überreicht werden, die bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung.

Der Preis wird ihm jetzt posthum verliehen. Als ihn im Mai die Nachricht über die Zuerkennung des Preises erreichte, war Pastior "total überrascht" und musste erst einmal "ein paar Tränchen verdrücken", danach gab es auch "ein bisschen Champagner".

Pastior war eine singuläre Erscheinung unter den deutschsprachigen Schriftstellern. Besonders bekannt wurde er vor allem mit seiner vom Dadaismus geprägten experimentellen Lyrik und Prosa, seinen "Lautmalereien". Der "Großmeister des Wortgebrauchs" und "linguale Neutöner" mit Kultstatus in der Lyrikszene, in der auch die Grenzen zur Nonsens-Dichtung überschritten werden dürfen, hatte dem beinahe musikalischen Lautgedicht eine neue Beliebtheit im deutschen Sprachraum verschafft.

Er selbst fühlte sich dem "sprachmagischen Ansatz" Georg Büchners verpflichtet. "Was Poesie ist, weiß ich nicht", sagte er zu seinem Verhältnis zur Sprache, deren Zwischentöne und Vernetzung ihn zu immer neuen subversiven Sprachkompositionen reizten. Besonders gern spielte er mit Anagrammen (Wortumbildungen) und Palindromen, also Wortfolgen, die vor- wie rückwärts gelesen Sinn ergeben - wie zum Beispiel Sarg oder Reittier. Auch Redewendungen stülpte er fantasieund lustvoll und mit Augenzwinkern um. Damit huldigte er der alten Weisheit, Dichtung müsse auch nützlich und unterhaltsam sein, aber auch einer spannenden "Unterhaltung des Wissens".

Die Einengungen der deutschen Sprache versuchte der Sprachklangvirtuose mit seiner ungewöhnlichen Wortakrobatik immer neu zu überwinden. Manche sagten dem "Wortschatzmagier" sogar eine "erotische Zuneigung" zur Sprache nach. Auf jeden Fall war Pastior ein lustvoller Avantgardist auf dem Feld der Sprachexperimente. Der eigenwillige Autor hatte auch als Petrarca-Übersetzer Anerkennung gefunden.

Die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiss lobte bei der Verleihung des Erich-Fried-Preises 2002 an Pastior gar, er habe "die deutsche Sprache neu entdeckt". Er locke seine Leser mit seinem "Mützentausch der Buchstaben" in Sprachlandschaften, die mit zauberischen Kräften fantasievolle Welten im Kopf entstehen ließen.

Pastior wurde am 20. Oktober 1927 als Angehöriger der deutschen Minderheit im rumänischen Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren, wo er später zum Ehrendoktor ernannt wurde. Seit 1969 lebte er in Berlin, wo er zuletzt gemeinsam mit der ebenfalls aus Rumänien stammenden Schriftstellerin Herta Müller an einem autobiografischen Roman schrieb.

1969 erschien sein erster Gedichtband in der Bundesrepublik, "Vom Sichersten ins Tausendste", in dem es heißt: "Ich sitze stumm und kraule/Das Kleinhirn zwecks Belebung/Die Sprache zwecks Bestrebung/Und die bewegt sich doch..." Zu Pastiors Werken gehören ferner die Bände "Ein Tangopoem und andere Texte", "Anagrammgedichte", "Kopfnuß Januskopf. Gedichte in Palindromen" und "Das Hören des Genitivs". In der Edition Akzente des Hanser Verlags (München) ist eine Werkausgabe erschienen.

1945 war Pastior als Gymnasiast für fünf Jahre in sowjetische Arbeitslager deportiert worden. Nach seiner Entlassung und einem Germanistikstudium arbeitete er in den 60er Jahren beim deutschsprachigen Rundfunk in Bukarest und wurde mit den beiden Lyrikbänden in deutscher Sprache "Offene Worte" (1964) und "Gedichte" (1966) bekannt. Er nutzte 1968 einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht und zog 1969 nach Berlin.

Nach ersten Auszeichnungen in Rumänien erhielt er auch in Deutschland zahlreiche Preise, darunter den Andreas-GryphiusFörderpreis, den Horst-Bienek-Preis für Lyrik, den Preis für Europäische Poesie, den Walter-Hasenclever-Literaturpreis und den Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik. Er war Mitglied der Berliner Akademie der Künste und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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