Big Daddy spricht Bairisch

"Die Katze auf dem heißen Blechdach" in Berlin: - Nackt, wie neugeboren, steigt Big Daddy auf die Bühne. Schamlos im besten Sinne, das unzureichende Handtuch in der Hand, kracht der Jubilar zu seinem 65. Geburtstag wie ein junger Gott mitten in die andauernde Familienkrise und räumt umgehend auf: wirft die Enkel raus und schmeißt seinem Sohn zur Begrüßung ein "Scheißdreck" hin.

Eine Walze rollt über die Bühne in Thomas Ostermeiers Inszenierung von "Die Katze auf dem heißen Blechdach" an der Berliner Schaubühne, und diese Walze heißt Josef Bierbichler. Der Oberbayer aus Ambach ist ein Ereignis, das der bis dahin recht müde vor sich hin dümpelnden Aufführung noch die Wende gibt.

Bierbichlers Big Daddy kennt kein Erbarmen mehr. Jetzt, da er glaubt, gesund zu sein, rechnet er ab: mit seiner Frau, seinen Söhnen und den Enkeln, diesen "halslosen Ungeheuern", die in Ostermeiers Regie die reine und wahre Pest sind. Der Berliner Regisseur hält sich bei seiner Inszenierung des Klassikers von Tennessee Williams nicht lange auf mit verbrämten Beziehungskrisen und unausgesprochenen Lebenslügen. Er bringt die Geldgier, die Heuchelei, vor allem die sexuelle Frustration in der Familie des millionenschweren, aber tatsächlich todkranken Plantagenbesitzers Big Daddy einfach zum Explodieren. Auch die mögliche Homosexualität von Big Daddys jüngstem Sohn Brick, in Williams‘ Stück und in der vor allem aus heutiger Sicht braven Verfilmung mit Paul Newman und Liz Taylor von 1958 noch weitgehend verschleiert, kommt klar auf den Tisch. Das Ensemble der Schaubühne spricht Tacheles, und am klarsten, wenn auch mit kraftstrotzendem bairischen Einschlag, spricht Josef Bierbichler. Selbst wenn er dem Doktor den Weg zur Toilette weist, erfolgt das im Befehlston.

Dabei ist diese Inszenierung auch ein klassischer Ostermeier im Stile seiner Ibsen-Bearbeitungen "Nora" und "Hedda Gabler". Das Südstaatenambiente Mississippis musste einer modernen Großstadt-Glasfassade weichen. Die kühle Atmosphäre lässt allerdings die brodelnde und schwüle Stimmung aus dem Original-Text vermissen. Die laute Rockmusik wirkt gelegentlich platt und aufgesetzt: "Baby, I‘m gonna leave you", jammert es aus den Boxen, während der oft allzu gelassene Mark Waschke als Brick sich auf seinen Krücken über die Bühne schleppt und seinen Beziehungsfrust in Whisky ersäuft.

Sehr produktiv ist die doppelwandige Glasfassade, die Jan Pappelbaum gebaut hat, ohnehin nicht, ebenso wenig der mächtige Raubvogel, der auf einem großen, von der Decke hängenden Ast sitzt. Immerhin bietet die Bühne den Akteuren genügend Raum, um ihre Befindlichkeiten auszuleben. Kirsten Dene als Big Mama -­ vielleicht die einzige ehrliche Haut im Haus -­ tippelt aufgeregt umher, was naiv und komisch wirkt. Jule Böwe als Maggie tigert von links nach rechts, in einer Tour quasselnd, und bringt anstrengende Unruhe in das Spiel.

Ostermeier scheint seinen Schauspielern viele Freiheiten zu lassen -­ vor allem Bierbichler, der in der zentralen Aussprache zwischen Vater und Sohn beständig zwischen Zynismus und Tragik schwankt, zwischen rassistischem Toben und leiser Sensibilität. An der Grenze zur clownesken Improvisation darf er sogar den brandaktuellen Streit um Murat Kurnaz ins Spiel bringen.

Tel.: 030/890023.

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