Dämon und Derwisch am Flügel

- Die Hosen von Fazil Say müssen etwas Magisches haben. Entschlossenen Schrittes, wie ein Handwerker, der seine Arbeit beginnen will, geht er im Prinzregententheater auf den Flügel zu. Eilig nimmt er Platz, die Füße schweben einen Zentimeter über dem Boden, und ganz kurz und schnell reibt er seine Fingerspitzen seitlich an den Oberschenkeln. So als würde er sie statisch aufladen, und dieses Ritual wiederholt er vor jedem Satz.

<P>Dann geht es zur Sache, und unter seinen Fingern, die bei Johann Sebastian Bachs Französischer Suite in E-Dur BWV 817 kaum die Tasten zu berühren scheinen, entwickelt sich schnell und perlend die Bach'sche Klangwelt. Zum Spiel der Sätze wippt Say mit Körper und Füßen, und das Taktmitklopfen des linken Fußes ist für ihn unabdingbar. Die Fingerspitzen "lädt" er auch später auf, bei Bachs Präludium und Fuge in a-moll BWV 543 in Bearbeitung von Franz Liszt, der Feruccio-Busoni-Bearbeitung von Bachs d-moll Chaconne BWV 1004, Beethovens "Appassionata" und der "Waldsteinsonate". Der 34-jährige türkische Pianist und Komponist ist ein Vollblutmusiker und obendrein passionierter Jazzer. Dass er dezent mitsingt weiß jeder, der ihn schon einmal erleben konnte.<BR><BR>Seine Konzerte sind ein Ereignis. Sein Spiel ist leidenschaftlich und hingebungsvoll, er ist in ständiger Kommunikation mit dem Flügel. Ihn behandelt er wie ein Dirigent sein Orchester, gestikuliert mit der gerade freien Hand und gibt auf faszinierende Weise dem Flügel quasi das Zeichen zum Ende des Nachhalls beim Schlussakkord. Der Steinway scheint unter dem Spiel von Fazil Say dahinzuschmelzen, so zart klingt er auf einmal. <BR><BR>Say entlockt ihm bei Bach federleichte Töne. Den motivisch engverknüpften Themen in Beethovens "Appassionata" rückt er als Dämon und im Finalsatz fast rauschhaft als Derwisch zu Leibe. Die "Waldsteinsonate" lässt er unmittelbar folgen, sehr lyrisch im Mittelsatz und fulminant, fast schon jazzig im Presto-Finale. Passend zum 1. Advent spielte er Mozarts Variationen über "Ah! vous dirai-je, Maman" ( auch bekannt als "Morgen kommt der Weihnachtsmann") als Zugabe und präsentierte eine Eigenkomposition über ein anatolisches Volkslied.<BR><BR></P>

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