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Sie schmusen und sie streiten: Katarina (Carolin Hartmann) und ihr Frank (Jean-Luc Bubert).

Premierenkritik

"Dämonen" am Volkstheater: Soghaftes Spiel

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München - Nicolaus Charaux inszenierte am Münchner Volkstheater "Dämonen" von Lars Norén und zeigt alle Facetten einer Beziehungshölle.

Das gibt es, dass man einem Stück gegenüber Zweifel, sogar heftige Antipathie hegt – aber die Inszenierung hervorragend findet. So gerade erlebt bei „Dämonen“ (1984) des schwedischen Dramatikers und Regisseurs Lars Norén, der sich hier merklich an Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (1962) anlehnt – wenn auch weit weniger schlüssig. Konzentriert auf die Kleine Bühne des Münchner Volkstheaters, nutzt der junge Nicolas Charaux , ein Regie-Talent, diesen Text, um seine Schauspieler in allen Facetten einer Beziehungshölle herauszustellen.

Und man saugt sich förmlich an ihrem Spiel fest. Schiebt deshalb das Grollgefühl beiseite, dass sich hier Frank und Katarina, seit neun Jahren liiert, in psychologischen Folterspielchen zerfleischen, sich masochistisch im Nachbars-Paar Jenner und Tomas (genau wie bei Albee) Zuschauer suchen. Warum eigentlich? Katarina und Frank geht es doch gut. Das sind übersättigte Wohlstandsbürger, die (zu viel) Zeit haben, ihre Seelenwehwehchen zu pflegen – für ein Drama recht seichte Gewässer. Bei Ibsen begründete sich eine kaputte Beziehung noch aus der gesellschaftlich eingeengten Stellung der darum frustrierten Ehefrau. Bei Norén wird man kalt hineingeworfen in diese quasi im leeren Raum gezündeten Hass-Liebe-Gefechte in Dauerschleife – bis ganz am Ende Katarina die Impotenz ihres Frank herausschreit. Und, ach ja, er muss eine Mutterfixierung haben, denn er bringt die Asche seiner verstorbenen Mutter in einer Urne mit nach Hause: beides schwache Gründe für einen Ehekrieg.

Norén begann als Lyriker, was möglicherweise sein auf Assoziationen gerichtetes Schreiben erklärt, auch seine bewusst logisch aneinander vorbeischießenden Dialoge. Und die, Hochgenuss für den Zuschauer, werden von Carolin Hartmanns Katarina und Jean-Luc Buberts Frank bis in die Viertelswort-Melodie zelebriert, bis in die begleitende zynische Geste, den lauernden Blick, den hysterischen Lachanfall.

Charaux lässt in einem flachen Breitwand-Fenster, einer Art verfremdeter Kasperle-Bühne (Ausstattung: Pia Greven), die Darsteller agieren, filmisch realistisch, zeitweise aber auch wie surreale Marionetten: in einem Gefühls-Theater, bei dem nicht das Warum, nicht die eigentlichen Ursachen, sondern nur die aktuelle Aussage und körperliche Aktion, vor allem das Wie zählt.

Ihre zuvor durch Angriff und Abwehr aufgeheizte Gemütsverfassung entladen Katarina und Frank in provozierend böser Anmache an die beiden Gäste hin, die mit Magdalena Wiedenhofer und Jakob Geßner einen wunderbar ruhigen Gegenpol zu den beiden Kampfhähnen bilden. Es kommt zu erotischen Überkreuz-Kontakten, dann auch zu verletzend zurückgewiesenen sexuellen Versuchen. Schließlich zu gegenseitiger Entblößung des Nachbar-Paares, das hinter der Sorge für ihre beiden Kinder geheime Sehnsüchte verborgen hält. Am Ende geht jeder jedoch mit seinem alten Partner ab. „Ich liebe dich“, gestehen sich Katarina und Frank. Und doch ist es wohl nur die Versicherung, in einer leidvollen Verbindung zu verharren, weil man schon mit ihr vertraut ist.

Nächste Vorstellungen

am 21. April sowie am 6. und 7. Mai;

Telefon 089/ 523 46 55.

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