Die Dämonen der Vergangenheit

Leo Janáceks "Jenufa": - Den Siegeszug der 1904 uraufgeführten "Jenufa" von Leos Janáceks verdankt das Werk nicht zuletzt der deutschen Fassung von Max Brod, die sich eng an die Sprachmelodie des Originals hält und nun auch für die jüngste Augsburger Premiere wieder ihre Verwendung fand. Regisseur Thomas Wünsch, den Augsburgs Noch-Intendant Ulrich Peters bereits für seine erste Saison am Gärtnerplatz verpflichtet hat, inszenierte das Drama sehr geradlinig. Er konzentrierte sich vor allem auf die Beziehung zwischen der Küsterin und deren Ziehtochter Jenufa.

Die erste Tragödie hat sich bei ihm bereits lange vor dem Heben des Vorhangs ereignet. Wir sehen Jenufa gleich zu Beginn nach einem missglückten Selbstmordversuch im Krankenbett liegen und das Geschehen wie im Fieber erneut durchleben. Stets präsent ist dabei das Messer, das nicht erst in der Hand von Jenufas glücklosem Verehrer Laca eine Bedrohung darstellt, sondern von ihr selbst immer wieder an die Pulsadern gelegt wird. Sally du Randt spielt diese verstörte junge Frau mit absoluter Hingabe und findet immer wieder zu berückend zarten Tönen. Wird die Rolle der Küsterin andernorts oft zur dankbaren Aufgabe für Hochdramatische im Herbst ihrer Karriere, bietet die Augsburger Aufführung mit Ildiko Szönyi eine Sängerin, die stimmlich aus den Vollen schöpfen kann.

Dennoch verkörpert sie weniger das autoritäre Familienoberhaupt, vor dem das gesamte Dorf zittert, als vielmehr eine gebrochene Frau, die selbst mit den Dämonen ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat und schüchtern den Blick vor ihrer Schwiegermutter, der alten Buryja, senkt. Zu menschlichem Kontakt ist diese Frau nicht mehr in der Lage, weicht verschreckt jeder Berührung ihrer Ziehtochter aus und kann auch selbst Jenufa keine Zuneigung geben. Als diese dann ein uneheliches Kind zur Welt bringt, gibt es für die Küsterin keinen anderen Ausweg von der "Schande", als das Neugeborene zu töten. Eine Tat, an der die streng gläubige Frau, in deren Haus die Menschen von den Blicken der allgegenwärtigen Marien-Ikonen förmlich erdrückt werden, schließlich zugrunde gehen muss.

Robusteres bieten die beiden Männer, zwischen denen Jenufa hin und her gerissen wird. Tilmann Unger gibt als treuloser Stewa rollenadäquat den vokalen Kraftprotz, und auch Hendrik Vonks Laca ist einer, dem sein Temperament immer wieder im Weg steht, wenn es darum geht echte Gefühle zu zeigen. Dem Ansatz des Regisseurs folgend, der dem ländlichen Idyll ebenso gründlich misstraut wie dem versöhnlichen Ende, treibt auch Dirigent Rudolf Piehlmayer das ausweglose Drama gnadenlos voran.

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