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Damals noch zu viert – mittlerweile ist Keyboarder Kasper Daugaard (re.) nicht mehr mit dabei. Er hat die Band verlassen, weil ihm der Ruhm zu viel wurde. Auch (v. li.) Magnus Larsson, Lukas Graham Forchhammer und Mark Falgren bemühen sich, den Rummel zu vermeiden und die bodenständige Band aus Kopenhagen zu bleiben, die sie seit der Schulzeit sind.

Dänische Band feiert Welterfolge

Lukas Graham: Die Momentenjäger

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Die dänische Band Lukas Graham landete mit Hits wie „7 Years“ Welterfolge, ist aber weit entfernt von Star-Allüren. Im März 2017 kommen die Jungs nach München.

Man sollte sich von dem Milchgesicht nicht täuschen lassen. Lukas Graham Forchhammer und seine Spezln schauen zwar aus, als würden sie gleich zum Bolzen auf den Sportplatz gehen. Doch wenn der 28-Jährige zum Mikro greift, Magnus Larsson zum Bass, und Mark Falgren die Drumsticks herausholt, wird all ihre wilde Energie umgewandelt in Musik, die in ihren besten Momenten tief berührt, antreibt, glücklich macht.

Die drei Dänen sehen aus wie eine Schulband, klingen aber professionell wie alte Hasen. Genaugenommen sind sie das ja auch. Lukas, Bandleader und Namensgeber, hat einst im Kopenhagener Knabenchor gesungen, die anderen zwei wussten schon als Knirpse, dass sie kaum etwas so glücklich macht wie Musik.

Es gibt da diesen Song, der zu einem ihrer größten Hits wurde – „7 Years“. Darin erzählt Forchhammer mit beachtlichem Sinn für Lyrik von seiner Entwicklung vom Buben zum Mann. Erinnert sich zurück an die Lebensweisheiten, die seine Eltern ihm mitgaben, damals, als er sieben Jahre alt war. 21 Jahre später sitzt er mit der Band backstage im Kölner Palladium. Gleich geht es auf die Bühne. Und wenn man sie fragt, was die siebenjährigen Lukas, Magnus und Mark sagen würden, wenn sie sie hier sitzen sähen, müssen Magnus und Mark herzlich lachen – nur Lukas schaut ernst, denkt nach und sagt: „Ich glaube, sie würden uns vorwerfen, dass wir erst jetzt von unserer Musik leben können.“

Trafen sich in Köln: Merkur-Redakteurin Katja Kraft und Lukas Graham.

Das ist vielleicht die größte Überraschung: Wie ernsthaft dieser pausbackige junge Kerl ist, dessen Karriere unter anderem mit dem Spaßsong „Drunk in the Morning“ begann, 2011 im eigenen Wohnzimmer aufgenommen, sichtlich berauscht – nicht nur von den Beats. Sie luden das Lied damals auf Youtube hoch, im Internet wurde es hunderttausendfach geteilt. Es folgten ein Plattenvertrag, zwei Alben, hohe Chartplatzierungen unter anderem in den USA und Großbritannien, weltweite Konzerte.

Das Ziel ist klar: besser werden, Show für Show

Es gibt diese Momente, wie im Mai dieses Jahres bei den Billboard Music Awards in Las Vegas oder im Juni beim Summertime Ball im Wembley-Stadion vor 80 000 Zuschauern, in denen sie sich gegenseitig während ihres Auftritts anschauen und grinsen müssen. „Kneif-mich-mal-Momente“ nennen sie das. Die Minuten, in denen sie denken: „Holy Shit! Lasst es uns genießen!“ Weil das mit dem Ruhm so schnell enden kann, wie es begann? Wieder dieser nachdenkliche Ausdruck auf Forchhammers Gesicht. „Das klingt wirklich arrogant und selbstverliebt, was ich jetzt sage.“ Kunstpause. „Aber wir haben immer für uns gespielt, für uns geschrieben, für uns performed. Insofern kennen wir diese Angst gar nicht.“ Mark unterbricht ihn. Auffallend höflich. Sie sind keine Band, in der nur einer das Wort führt. Alte Schule alter Freunde. Mark setzt also an: „Ihr habt noch gar nicht das Beste gesehen, was wir können.“ Die anderen zwei nicken. „Wir spielen seit der Schule zusammen, und jedes Jahr werden wir besser.“ Lukas liebt es, zu sehen, wie Magnus und Mark Dinge auf ihren Instrumenten ausprobieren, die sie vergangenes Jahr noch nicht beherrschten. „Ich tue dasselbe: probiere höhere Töne, heftigere Tiefen.“ Das Ziel ist klar: besser werden, Show für Show.

Das ist indes eine sportliche Höchstleistung. Denn wer sie live erlebt, gerät schon durchs Zuschauen ins Schwitzen. Forchhammer, Sohn eines Iren und einer Dänin, spricht fließend Englisch und ist der geborene Entertainer. Bei allem Spaß, den sie haben, wenn sie etwa wie zwei Fußballer nach einem Torschuss ihre nackten Oberkörper im Sprung aneinanderknallen lassen, schlägt auch auf der Bühne Lukas’ ernsthafte Seite durch. Er hat vor vier Jahren seinen Vater verloren, der mit nur 61 Jahren starb. Die Trauer um diesen Verlust zieht sich durch das aktuelle Album. Es sind Hymnen für seinen Papa, der ein treuer, loyaler, großartiger Mann gewesen sein muss. Der Sohn, der mit seiner Freundin gerade selbst das erste Kind bekommen hat, ehrt ihn voller Liebe mit einem Mix aus Hip-Hop, Pop, Folk, Rap und Jazz.

Ein Leben ohne Musik? „Ich würde mich erhängen!“

Wie möchte er selbst seinen Kindern einst in Erinnerung bleiben? Da fällt ihm die Antwort nicht schwer: „Wenn ein Journalist meine Kinder eines Tages fragen wird: ,Was für eine Art Vater war Lukas Graham? Woran erinnerst du dich bei ihm?‘ Dann möchte ich, dass sie erzählen: ,Er hat daheim gekocht und hat mir gezeigt, wie man ein Pferd reitet oder wie man im Meer schwimmt.‘ Ich möchte meine Kinder nicht sagen hören: ,Dad war nie da, sondern auf Tour.‘ Ich werde meine Kinder mit auf Tour nehmen.“

Die Entscheidung Familie oder Beruf wollen sie nicht treffen. Ein Leben ohne Musik? „Ich würde mich erhängen!“, ruft Forchhammer. Und Mark ergänzt: „In einer Welt, in der alles Sinn ergeben muss, hast du mit Musik etwas, was keinen Sinn ergibt. Du hast drei bekloppte Typen, die auf der Bühne herumspringen, und du hast 4000 Leute, die durchdrehen, weil sie Melodien hören, die ihre Körper reagieren lassen auf eine Weise, die sie nicht erklären können. Das ist Musik.“

Dafür leben sie. Auf den ganzen Star-Rummel könnten sie verzichten. Grinsend zieht Forchhammer sein Handy aus der Tasche – kein Smartphone, sondern ein altes Modell der einfachsten Art. „Ich habe gedowngradet“, sagt er. Kein Whatsapp, kein Twitter, kein Internet, keine Fotos. „Ich möchte im Moment leben. Wenn dein Körper dein Tempel ist, dann tu’ ihm etwas Gutes. Iss gesunde Sachen, mach’ Sport, hab’ eine gute Zeit. Vergeude sie nicht mit all dem Bullshit, der nichts damit zu tun hat, was du brauchst.“

Während er das sagt, knistert Magnus in einer Einkaufstasche aus dem Biosupermarkt herum und zieht ein Päckchen heraus. „Genau, iss gesund. Zum Beispiel körnigen Frischkäse“, ruft er stolz die deutsche Vokabel, die er gerade gelernt hat. Dann lachen sie wieder wie 16-Jährige im Landschulheim. Ein bisschen Schulband gehört eben doch auch zu ihrem Erfolgsgeheimnis. Bei diesen geerdeten Jungs darf man darauf vertrauen, dass es so bleibt.

Lukas Graham spielen am 16. März 2017 im Münchner Zenith; Telefon 089/ 54818181.

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