Daheim im Dazwischen: Gespräch mit Ilma Rakusa

- Zürich- Schnee bedeckt die Gräber, aber der flache Grabstein von Elias Canetti und die Skulptur des rauchenden James Joyce sind freigeräumt. Nur ein paar Schritte von dem Friedhof am Zürichberg entfernt wohnt Ilma Rakusa, mit einer umfangreichen Bibliothek, mit stapelweise antiquarischen Büchern in vielen, vor allem osteuropäischen Sprachen. Die schmale, dunkelhaarige Dichterin sagt, sie habe keine Wurzeln geschlagen in der Schweiz, obwohl sie hier lebt, seit sie fünf ist.

<P>"Luftwurzeln" habe sie, außerdem sei sie "daheim im Dazwischen", das liege an einem Verbundenheitsgefühl mit vielen schreibenden, literarischen Menschen. Auch mit Canetti, der wie sie Deutsch erst als vierte Sprache lernte und dann in der Schweiz lebte, ebenso mit Joyce, der gleich ihr über Triest nach Zürich gelangte. Heute erhält sie in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München den Adelbert-von-Chamisso-Preis.</P><P><BR>Ilma Rakusas Eltern emigrierten nicht aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen. Die Ungarin und der Slowene wollten in einem Land leben, das die Demokratie verkörpert. Und nach einer kurzen, aber für die kleine Ilma einprägsamen Zeit vor allem in Triest kamen sie 1951 nach Zürich. Mit der Vielsprachigkeit ist die 1946 in der Slowakei geborene Rakusa groß geworden: "Schon als Kind habe ich beim Erlernen des Slowenischen diese Lust empfunden. Habe lange Zeit nur zugehört und es plötzlich fließend beherrscht." Mit dem Ohr habe sie sich genähert: "Sprache als Klang", das interessierte die musikalische Rakusa von Anfang an.<BR><BR>Sie übersetzt aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen, unter anderem Marguerite Duras, hat ein Theaterstück als Auftragswerk für den Steirischen Herbst geschrieben sowie ein Opernlibretto über einen Duras-Stoff für Zürich. Außerdem verfasst sie Erzählungen, vor allem Gedichte, zuletzt "Love after love" und "Ein Strich durch alles" (beide Suhrkamp). Das Deutsche ist ihr zum "festen Hafen" geworden. <BR><BR>Natürlich genießt sie es, bei der Beschäftigung mit ihren "sieben oder acht" Sprachen, das Unterschiedliche herauszuarbeiten: "Dass man die Sprachen nicht mischen kann, ist ja die Schwierigkeit von Babylon. Jede hat ihre Schönheiten. Man ist in jeder Sprache ein anderer." Im Deutschen könne sie sich "bis in die Nuancen hinein frei bewegen". <BR><BR>Dafür bekommt sie von der Robert Bosch Stiftung den Chamisso-Preis. Jenen Preis also, der an deutsch-schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache verliehen wird und, wie sie sagt, "die Mehrsprachigkeit reflektiert".<BR>Was für Rakusa eine politische Dimension hat, denn es liegt ihr viel an der Kommunikation zwischen Osteuropa und dem Westen: "Der Kontakt war bisher eine Einbahnstraße. An den Mentalitätsunterschieden muss man arbeiten.<BR>Es ist nicht die Schuld dieser Länder, dass ihre Autoren so wenig und schlecht übersetzt werden." In diesen Zeiten aufkeimender Nationalismen mahnt Rakusa zu mehr Aufmerksamkeit: "Es besteht die Gefahr, dass die Geschichte in Mittel- und Osteuropa wieder zuschlägt und alte Geister aus den Flaschen steigen in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien."<BR><BR>In dieser Hinsicht erlebt Rakusa ihre Wurzellosigkeit auch als Privileg. Das Triest ihrer Kindheit steht bei ihr für die Vielfalt: mit seiner bunten, italienischen und slawischen Bevölkerung, den vielen Kirchen unerschiedlicher Konfessionen und _ dem Meer, einer ihrer Lieblingsmetaphern für Weite, Bewegung, Licht. Mindestens ebenso wichtig ist der Schnee, der in diesem Februar die Hecken am Zürichberg so dicht bedeckt: "Er hat so etwas liebevoll Demokratisches, deckt alles gleichmäßig zu. Schnee schafft eine besondere Stille. Auch das Weiß, das nicht Festgelegte mag ich. Und ich verwende dieses einsilbige Wort gerne." Das tut sie häufiger in ihren "Neunzig Neunzeilern" wie diesem: "Wenn Schnee die Heide/ deckt aus welcher/ Distanz sag ich:/ Fremde daheim/ sagst du: werd/ meine Frau/ zwischen Hecke Meer/ zwei Sprachen und/ kaltem Allerleihrauh."<BR></P>

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