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Das Aschenputtel und ihr Prinz: Irina Nikolskaya und Maximilian Kiener mit Dániel Foki (li.).

Die Damenwelt wurde observiert

München - Die Kammeroper München zeigt in diesem Sommer Rossinis „La Cenerentola“. Im Hubertussaal im Schloss Nymphenburg laufen die Proben. Ein Besuch.

Mit einem Handgriff zerrt Erik Ginzburg den rosaroten Schaumgummi-Busen unter seinem Polohemd hervor. Jetzt reicht’s. Der Bariton hat seine Arie mehrfach probiert und entledigt sich der weiblichen Attribute, die aus dem gestandenen Mannsbild flugs eine Donna Magnifica gemacht haben. Für ihn ist die Probe zu Ende. Aber einige Kollegen müssen noch bleiben, an diesem heißen Samstagnachmittag im angenehm klimatisierten Hubertussaal des Schlosses Nymphenburg. Hier wird in diesen Tagen eifrig geprobt, denn am 23. August hat Rossinis komische Oper „La Cenerentola“ Premiere.

Mit dem Aschenputtel bestreitet heuer die Kammeroper München (KOM) ihren Sommerauftritt – inszeniert von Dominik Wilgenbus und dirigiert von Nabil Shehata. Wie immer hat Alexander Krampe die Musik für eine Mini-Besetzung arrangiert: fünf Streicher und fünf Bläser, die witzig komplettiert werden von einem Akkordeon und einem Marimbaphon. Und die Textfassung, die stammt – längst ist es Tradition – von Regisseur Wilgenbus, der nicht nur das italienische Libretto ins Deutsche übertrug, sondern die böse Stiefmutter der Gebrüder Grimm wieder einführte. Bei Rossini hat das Aschenputtel Angelina einen Stiefvater, Don Magnifico, der hier kurzerhand zur Donna Magnifica mutierte, allerdings gesungen und gespielt von einem Mann.

Ins Rollen brachte diesen Geschlechtertausch Thomas Lichtenecker. Der Wiener Countertenor schlüpfte bei Wilgenbus’ Inszenierung der Operette „Die lustigen Nibelungen“ schon einmal in die Röcke der Mutter Ute und bot sich nun als Angelinas Stiefschwester Tisbe an. Warum eigentlich nicht, dachte sich der Regisseur und erinnerte sich dabei an das lange vor Rossinis Wirken entstandene, italienische Schauspiel mit Musik „La gatta Cenerentola“, in dem Aschenputtels Mutter und Schwestern von Männern gespielt wurden. Mit Donna Magnifica komplettierte er diese Idee, „die eine eigene Theatralik hat und gut zu Rossinis Musik passt“. Während Donna Magnifica sich vollbärtig und -busig Respekt verschafft, stakst Tisbe mit dürren Stachelbeinen in feinen Seidenschühchen über das weiße Bühnenpodest, rafft die Röcke und dreht sich mädchenhaft. „Ich bin bei Wilgenbus auf die Mädels gebucht“, lacht Lichtenecker und freut sich, dass er als Stiefschwester „so richtig zickig und böse sein darf“. Der junge Wiener hat zehn Jahre lang getanzt und versteht sich auf die geschmeidigen Gesten. Außerdem hat er anhand von Videos weibliche Bewegungsmuster studiert und zusammen mit dem Regisseur im Kaffeehaus gesessen und die Damenwelt observiert.

Bei der ersten Bühnen-Orchester-Probe hält sich der Inszenator allerdings zurück. Es ist die Stunde des Dirigenten, der Musiker und Sänger zusammenschweißen muss. Immer wieder ruft Nabil Shehata während der Arien fragend „Und die Balance…?“ in den fast leeren Saal und wartet auf Antwort. Waltraud Meier gibt sie ihm. Die in aller Welt als Kundry, Venus, Isolde gefeierte Sopranistin hockt – Klavierauszug und Bleistift in der Hand, die Brille auf der Nase – im Parkett und ihr entgeht nichts. Sie kennt den jungen deutsch-ägyptischen Dirigenten noch aus seiner Zeit als Solo-Kontrabassist bei den Berliner Philharmonikern und in Barenboims West-Eastern-Divan-Orchestra und liefert aus allen Ecken des Saals ihr Feedback. Auch zu den jungen Sängern hat Meier einen guten Draht. Nach den Arien sprintet die Kammersängerin nach vorne und gibt den Kollegen wertvolle Tipps. Dabei geht es ihr nicht speziell um die Verfeinerung des Gesangs – sondern schlichtweg ums Ganze: „Um den musikalischen und körperlichen Ausdruck und um die nicht nur deutliche, sondern lebendige Textgestaltung“. Waltraud Meier bedauert: „Viele Sänger sind Sklaven ihrer Stimmen und blockieren sich selbst, weil sie immer zuerst fragen, wie singe ich. Bei mir funktioniert es andersherum. Zunächst geht es um das Was, dann kommt das Wie.“

Meier, die mit Größen des Regietheaters (unter anderen Chéreau, Konwitschny, Heiner Müller) zusammengearbeitet hat, schwärmt von den „Tristan“-Proben mit Klaus Michael Grüber. „Es war ein schwieriger Prozess – vom Machen zum Sein.“ Und sie betont, wie wichtig es ist, als Sänger Mut zu haben, Eigenverantwortung zu übernehmen. „Es zahlt sich aus, wenn man selbst nachdenkt.“ Obwohl sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen dem Nachwuchs nicht als Professorin vermitteln will – „mein Freiheitsdrang ist zu groß“ – verbringt sie sonnige Sommertage dennoch gerne bei den „Cenerentola“-Proben. Den gerade mal 20 Jahre alten ungarischen Bass Dániel Foki ermuntert sie: „Hier ein bisschen früher und zeigt auf eine Achtelnote… und das ist nur eine Nachsilbe, die brauchst Du nicht betonen…“ „Auch die Rezitative hat sie mit dem Ensemble gearbeitet“, freut sich Shehata. Darüber hinaus erfüllt sich ihm im November ein Herzenswunsch: Mahlers „Lied von der Erde“ mit Waltraud Meier zu dirigieren. „Das Orchester der KOM spielt eine kammermusikalische Fassung für 15 Musiker, und den Tenorpart übernimmt Robert Gambill.“ Vielleicht der Anfang einer neuen Reihe…

von Gabriele Luster

Premiere

23. August, 19.30 Uhr, 14 weitere Vorstellungen bis 14. September; Hubertussaal Nymphenburg; Telefon: 089/45 20 561-0

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