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Gärtnerplatz-Leitungsteam: Chefdirigent Marco Comin, Susanne Schemschies, Leiterin des Jungen Gärtnerplatztheaters, Intendant Josef E. Köpplinger, Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner und Geschäftsführer Max Wagner (v. li.). X

Gärtnerplatztheater

Damit der Germknödel aufgeht

München - Spagate mit Bussi und Schlagobers: Das Gärtnerplatztheater präsentiert seine nächste Spielzeit.

Das ist das vielleicht größte Paradox der kommenden Saison. Mit den Bezeichnungen „Münchner Erstaufführung“, „Deutsche Erstaufführung“, sogar „Uraufführung“ schmücken sich manche Produktionen – und doch sind die Titel wohlbekannt. „Singin’ in the Rain“, „Cinderella“ oder Richard Strauss’ Ballett „Schlagobers“: Es scheint, als ob das Gärtnerplatztheater da zu einer großen Nachholaktion ansetzt, um gleichzeitig auf der populären Schiene zu bleiben. Ein bemerkenswerter Spagat. Und es scheint auch, dass es sich das Team (so weit auseinander die Aktions- und Spielstätten auch liegen mögen) ganz gut mit dem Vagabundieren eingerichtet hat.

Wann es wieder ins Stammhaus geht? „Wir sind die Gewinner des milden Winters“, sagte der Geschäftsführende Direktor Max Wagner auf der Saison-Präsentation. Zwei Monate früher als geplant wurde die Baugrube am Gärtnerplatz übergeben. Ende 2015 soll ein vorgezogener Spielbetrieb im renovierten Haus starten, wobei die Verwaltung in Giesing bleibt. Zur Saison 2016/17 rechnet man mit der Komplettrückkehr, Wagner bezeichnete das vorsichtig als „frommen Wunsch“.

Das Tingeln durch die verschiedenen Spielstätten wurde offenbar auch vom Publikum einigermaßen akzeptiert. Da gibt es in der aktuellen Saison zwar Ausrutscher wie die 69 Prozent Auslastung bei der Uraufführungsserie von Wilfried Hillers „Flaschengeist“, räumte Intendant Josef E. Köpplinger ein. Doch die übrigen Produktionsbilanzen dürften bei anderen Theatern Neidgefühle wecken. 99 Prozent, 99,98 Prozent, 100 Prozent, kein Wunder, dass Köpplinger solche Zahlen mit einem Dauerlächeln verlas. Den derzeitigen, so besonderen Spielbetrieb sieht der Chef auch als Anlauf für die Jahre im sanierten Haus. Was die Produktionen angeht (von denen einige übernommen werden), aber auch, was sein Credo betrifft. „Münchens Volksoper“ will man sein. Und: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir einen Handwerksberuf haben.“ Will heißen: Konzeptkrämpfe sollen andere erleiden. Köpplinger hofft jedenfalls, dass ab 2015 „der Germknödel aufgeht“.

Neben den zehn Premieren (siehe Kasten) setzt Chefdirigent Marco Comin seine Barockserie fort. Es gibt die Produktion „Broadway for Kids“ im Cuvilliéstheater, überhaupt ein umfangreiches Jugendprogramm. Das Ballett fährt nach China, das Orchester nach Mexiko. Die Saisoneröffnung mit Brittens „Peter Grimes“ bietet mit Edith Haller und Gerhard Siegel prominente Protagonisten – ein Stück überdies, so Köpplinger, das gut „ins Zeitalter des Vorverurteilens“ passe.

„Wiener Blut“ spiele man in der „flockigeren“ Urfassung. Das Familienmusical „Cinderella“ biete „Humor, der politisch gerade noch korrekt ist“. Und das Finale „Bussi – Das Munical“ markiere die äußerste Grenze von dem, was das Haus zeigen wolle: Das Stück mit Liedern der Neuen Deutschen Welle sei eine Liebeserklärung ans Gärtnerplatzviertel, vor allem aber „Trash“, so Köpplinger. Thomas Hermanns, TV-Zuschauern vom „Quatsch Comedy Club“ bekannt, zeichnet dafür verantwortlich. Er hat in München studiert. Was viel wichtiger ist: Seine Karriere startete er als Statist am Gärtnerplatz.

Demnächst schon gedenkt das Gärtnerplatz-Team Richard Strauss’ auf besondere Weise. Ab 27. Mai sind an 15 Plätzen der Münchner Innenstadt für zwei Wochen Lautsprecher versteckt. Zehn Minuten nach jeder vollen Stunde gibt es für ein paar Sekunden Strauss. Köpplinger: „Ich hoffe, dass man sich nicht zu Tode erschreckt.“

Alle Premieren des Gärtnerplatztheaters 2014/2015

MUSIKTHEATER:

"Peter Grimes" von Benjamin Britten am 21.10.14 im Prinzregententheater (Dirigent: Marco Comin, Regie: Balász Kovalik);
"Wiener Blut" von Johann Strauß am 26.11.14 im Cuvilliéstheater (Michael Brandstätter, Nicole Claudia Weber);
"Cinderella" am 17.1.15 von Thomas Pigor in der Reithalle (Jürgen Goriup, Josef E. Köpplinger);
"Gefährliche Liebschaften" von Marc Schubring und Wolfgang Adenberg am 22.2.15 (Andreas Kowalewitz, Köpplinger);
"Singin’ in the Rain" von Nacio Herb Brown und Arthur Freed am 23.4.15 im Prinzregententheater (Jeff Frohner, Josef E. Köpplinger);
"Dr. Faust jun." von Florimond Ronger am 16.5.15 in der Reithalle (Michael Brandstätter, Rudolf Frey);
"Così fan tutte" von Wolfgang Amadeus Mozart am 13.6.15 im Cuvilliéstheater (Michael Brandstätter, Olivier Tambosi);
"Bussi – Das Munical" von Thomas Hermanns, Uraufführung am 4.7.15 in der Reithalle (Andreas Kowalewitz, Thomas Hermanns).

BALLETT:

"Schlagobers" von Karl Alfred Schreiner mit der Musik von Richard Strauss am 11.12.14 in der Reithalle (Choreographie: Schreiner);
"Hattrick – Drei Fußballstücke" am 7.3.15 in der Reithalle (Jo Strømgren/ Marco Goecke/ Jacopo Godani)

Von Markus Thiel

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