Damit Münchens Glanz nicht verblasst

München - "Das ist jetzt Plan B." Nachdem das Cuvilliés-Theater erfolgreich wiedereröffnet wurde, hat sich Kurt Faltlhauser das nächste, viel größere Projekt vorgenommen: Auf sein Betreiben hat sich der Verein "Konzertsaal Marstall" konstituiert, der in diesen Tagen an die Öffentlichkeit gehen will.

Seit einem Dreivierteljahr, seit dem Abschluss des Ideenwettbewerbs, herrscht Funkstille. So scheint es zumindest. Doch die Befürworter eines Marstall-Konzertsaales haben ihr Projekt weiterbetrieben, einen Verein gegründet und mit potenten Geldgebern gesprochen. "Es wird Zeit, dass wir die Bayerische Staatsregierung etwas unter Druck setzen", sagt Kurt Faltlhauser. Wobei er die Pointe lächelnd auskostet, hat er doch diesem Gremium bis vor einem Jahr als Finanzminister angehört.

"Die Staatsregierung muss einen Realisierungswettbewerb starten." Darauf, so Faltlhauser, ziele der Verein "Konzertsaal Marstall". Die Argumente für oder gegen diesen neuen Musentempel, der München endlich aus der Akustikwüste holen soll, sind ja längst ausgetauscht. Merkwürdig verschlossen gaben sich die Beteiligten dagegen in Sachen Finanzierung.

Doch auch hier konkretisiert sich einiges: Ein Konzertsaal inklusive Werkstattbühne fürs Schauspiel wird 120 bis 130 Millionen Euro kosten. Das Berliner Architektenbüro Axel Schultes, Sieger des Ideenwettbewerbs, schlägt dazu einen neuen Parallelbau neben dem Klenze-Kleinod vor. 50 Millionen der Summe könnten aus Drittmitteln, also von nichtstaatlicher Seite kommen, da ist Faltlhauser ganz optimistisch.

Da der Marstall-Saal mit seinen etwa 1800 Plätzen dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks ein Erstbelegungsrecht und damit eine Heimat bieten soll, ist hier natürlich der Sender gefragt. Zehn Millionen Euro hat der BR in der Vergangenheit signalisiert. "Das muss aber nicht das Ende der Fahnenstange sein", so BR-Sprecher Rudi Küffner. Was bedeutet: Sollte Faltlhausers Verein 50 Millionen von nichtstaatlicher Seite aufbieten, wird der Sender seinen Beitrag offenbar erheblich aufstocken. Und der Rest, die 80 Millionen Staats-Euro? Faltlhauser beschwichtigt: Eine solche Summe sei für den wohlhabenden Freistaat nun wirklich kein großes Problem. "In vier bis fünf Jahren", so glaubt er, könne mit dem Projekt gestartet werden.

Dass aus künstlerischen Gründen ein solcher Saal notwendig ist, wird von den wenigsten bestritten. Die Philharmonie bietet einen akustisch arg dürftigen Rahmen, der Herkulessaal ist für klangliche Schwergewichte zu klein. Was auch bedeutet: Immer mehr Künstler meiden München. Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker etwa nehmen Einladungen nicht mehr an, auch andere Orchester bevorzugen Spielorte wie Luzern, Dortmund, Köln oder Frankfurt - und lassen München links liegen.

Ein Marstall-Saal bekommt folglich auch eine kulturpolitische Bedeutung, darauf weisen die Unterstützer hin. München mag sich mit dem Titel Musik-Metropole schmücken. Doch zwischen selbst erklärtem Glanz und Realität klafft eine größer werdende Lücke. Berlin beginnt dem einstigen deutschen Teilungsgewinner den Rang abzulaufen, andere Städte verfügen längst über bessere musikalische Rahmenbedingungen. Droht München also das Abrutschen ins Provinzielle?

Von Seiten des Staatsschauspiels müssen die Saal-Befürworter wohl keine großen Einwände mehr fürchten. Eine von Intendant Dieter Dorn geforderte Experimentierbühne soll im umgestalteten Klenze-Bau eingerichtet werden. Und der Kauf der Escada-Hallen in Poing habe den "Flächenbedarf der Bayerischen Staatstheater abgedeckt", wie es der Verein formuliert. Damit könne der Marstall "als Kulissenlager und Werkstattgebäude abgelöst werden". Zudem kann laut Faltlhauser die Probebühne des Theaters, die bislang ausgelagert ist, ebenfalls im Marstall untergebracht werden.

Mit einer großen Unbekannten müssen die Marstall-Fans allerdings rechnen: mit der Staatsoper. Staatsorchester und Kent Nagano könnten sich Konzerte im Marstall durchaus vorstellen. Doch scheint die Chefetage des Hauses nicht unbedingt mit einer Stimme zu sprechen. Offen ist vor allem, was der künftige Intendant Nikolaus Bachler vorhat. Im Gespräch mit unserer Zeitung hatte er kürzlich angedeutet, auch er möchte eine Experimentierbühne für kleinere Opernprojekte. Wo, das ist allerdings noch nicht klar. Doch wer soll einen künftigen Marstall-Saal überhaupt betreiben? Jedenfalls nicht der Hauptnutznießer BR, der auch aus rechtlichen Gründen nicht als Bauherr auftreten kann. Möglich wäre daher eine Verantwortung des Freistaats wie beim Herkulessaal oder eine Art Gasteig-Lösung, bei der eine Tochtergesellschaft als Verwalter auftritt.

Die schönsten Wünsche, das wissen die Vereinsmitglieder allerdings, nützen derzeit gar nichts: Bis zur Landtagswahl ist die Politik lahmgelegt. Als Wahlkampfthema taugt der Saal nur bedingt. Und wer ab Herbst als Finanzminister über die staatlichen Schlösser gebietet, ist - zumindest offiziell - noch nicht geklärt.

Zunächst einmal will der Verein die Werbetrommel rühren. Eine Unterschriftenaktion ist angelaufen, an der sich Stars wie Anna Netrebko, Lang Lang, Daniel Barenboim, Nikolaus Harnoncourt, Simon Rattle oder Anne-Sophie Mutter beteiligt haben. Zudem wurde ein Spendenkonto eingerichtet, wobei der Verein betont, dass das Projekt ja erst politisch beschlossen werden müsse. Am 19. und 20. Juli sind die Initiatoren außerdem "hautnah" zu erleben: Im Rahmen des Altstadtringfests sind sie mit einem Stand auf der "Wissenschaftsmeile" vertreten. Wo? Natürlich am Marstallplatz.

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