Dance-Festival: Ikonen des Leids

- Die kleinen Events sind manchmal die ganz großen: Dance-Gast aus Kanada Sarah Chase hat nichts als das kahle Münchner i-camp und die sanfte Klavierbegleitung von Bill Brennan ­und bannt uns doch 60 Minuten lang.

Während ihre schwingenden und durch die Luft kurvenden Arme ihre schlanke Gestalt wie selbstverständlich auch in den Raum hineinführen, erzählt sie von den Passagiertauben, die vor 150 Jahren als riesiger Schwarm den Himmel ihrer Heimatstadt Toronto verdunkelten und durch sinnlose Jagdlust ausgerottet wurden, erzählt von Himmelsfarben und dem alten Park, von der zugerümpelten Garage der polnischen Nachbarn und dem wegen Krankheit im letzten Stadium entlassenen Sträfling, der jeden Tag den Sonnenuntergang betrachtet ­ ihr entspannt präziser Tanz ist dabei auf mysteriöse Weise der Strom, auf dem uns, nun alle Sinne offen, ihre Geschichten zufließen. Hier wieder einmal der schlagende Beweis: Freier Tanz berührt eigentlich nur dann, wenn sein Schöpfer zugleich Interpret ist. Auf fremde Körper einstudiert, bleiben meist nur Bewegungshülsen.

Ausnahme von der Regel: Lia Rodrigues‘ "Incarnat" ("fleischfarben") für ihre Companhia de Dancas. Das Stück, zu sehen auf dem Hintergrund der brasilianischen Realität, wo in Teilen des Landes Mord und Folter Alltag sind, setzt sich mit den voyeuristischen Medien und Medienkonsumenten auseinander. Ganz in der Stille stellt Rodrigues nackte versehrte, hinsiechende Körper aus. Das könnte bei so vielen Litern Theaterblut aus der Ketchup-Packung leicht in Rührungskitsch entgleiten.

Aber ihre Tänzer haben eine außergewöhnliche Konzentration. Wenn zwei Männer sich wie Bluthunde in eine liegende Frau verbeißen und sie am T-Shirt mit den Zähnen über die Bühne zerren, wenn Körper sich in eine Verkrüppelung hineintanzen, in laut schreiende Hysterie, in Demenz, in Erstickungsanfälle mit schrecklich herausgewölbten Rippen und eine Leiche unter Gebeten gewaschen und bemalt wird, dann sind das aus dem Dunkel der Muffathalle schrecklich herausleuchtende Ikonen des Leids, in der Nähe der Bilder von Francis Bacon, die trotz ihrer Ästhetik betroffen machen.

Heute und morgen: indisches Attakkalari Ensemble, Muffathalle, 20.30 Uhr; heute bis Sonntag: Chris Zieglers Installation "Wald ­ Forest", Black Box, 15-20 Uhr, 4. 11. um 19 Uhr 089/54 81 81 81

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