Dandy mit Herz - Andrej Hermlin spielt Swing-Musik und engagiert sich in Kenia

München - Andrej Hermlin schafft mit seinem Swing Dance Orchestra in den USA ausverkaufte Hallen und hat am renommierten "Midsummer Night Swing" in New York teilgenommen. Filmproduktionen nehmen seine Dienste oft für Soundtracks in Anspruch. Im Osten der Republik hat Hermlin schon seit 20 Jahren ein treues Publikum.

Nur im Westen Deutschlands können viele immer noch nichts mit dem Namen anfangen. Aber das beginnt sich allmählich zu ändern. Am Sonntag gastiert Hermlin mit seinem neuen Programm "In the Mood ­ Die große Glenn Miller Gala" immerhin in der Münchner Philharmonie.

Es hat sich herum gesprochen, dass so ein Konzert nicht einfach nur darin besteht, alte Swingklassiker abzuspielen. Es ist eher wie eine Zeitreise, die einen direkt in die 30er-Jahre zurück katapultiert. Der 42-jährige Hermlin und seine Band spielen nicht einfach nur Swing, sie verkörpern, sie leben ihn. Es ist mehr als die Musik Glenn Millers oder Benny Goodmans, die den Zauber dieser Auftritte ausmacht. Es ist die Haltung, die dahinter steht. Die unaufdringliche Eleganz und souveräne Leichtigkeit, mit der sie die Magie der 30er herauf beschwören. Natürlich kleidet sich die Band im Stil der Epoche, benutzt die Sprache und zelebriert die Eigenarten des Entertainments jener Jahre. Selbst die Mikrofone stammen aus der Zeit ­ nichts soll die Illusion verfälschen. Und eine perfekte Illusion zu schaffen, ist das erklärte Ziel von Hermlin.

Das alles geht über bloße Nostalgie hinaus. Es ist aufrichtige und rückhaltlose Begeisterung für alles, was der Swing darstellt. Dass ausgerechnet das ostdeutsche Links-Parteimitglied Hermlin so makellos in der uramerikanischen Gattung des Swing aufgeht, ist natürlich ein Paradoxon, aber es passt zu Hermlin. Der Sohn des Dichters Stephan Hermlin wuchs in einem linksintellektuellen Elternhaus in der DDR auf und rieb sich doch ständig am Arbeiter- und Bauernstaat. Die Begeisterung für Swing und den Lebensstil der dekadenten 30er-Jahre war seine Art, sich aufzulehnen.

Mit seinen russisch-jüdischen Wurzeln war er von Kindheit an immer auch ein Außenseiter. Und diesen Status hat er im Laufe der Jahre regelrecht kultiviert. Hermlin ist anders und will es sein. Seit seiner Heirat mit einer Afrikanerin verbringt der zweifache Familienvater zunehmend Zeit in Kenia und engagiert sich dort sozial. "Es soll wehtun. 100 Euro runter zu schicken ist doch lächerlich", meint er dazu und finanziert aus eigener Tasche Straßenbeleuchtung, Kanalisation und den Ausbau der Schule in dem Ort, in dem er lebt. Gleichzeitig gibt er bei Konzertabenden in Deutschland immer noch den extravaganten Dandy und fährt Autos aus der Vorkriegszeit. Irgendwie geht das alles zusammen bei Hermlin. Womöglich macht diese beständige Gratwanderung zwischen Extremen den Reiz dieses Künstlers aus. Der Mann ist einen Blick wert. Mindestens.

30. Dezember, 15 Uhr.

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