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Zurück in die eigene Vergangenheit: Regisseur Danny Boyle hat nach 20 Jahren seinen Kultfilm „Trainspotting“ fortgesetzt.

Interview zum Kinostart von „T2 Trainspotting“

Danny Boyles neuer Drogentrip

Berlin - Im Jahr 1996 gelang Danny Boyle mit dem wilden Drogentrip „Trainspotting“ ein Kultfilm, 2009 räumte sein „Slumdog Millionär“ acht Oscars ab. Jetzt bringt der 60-Jährige die Fortsetzung „T2 Trainspotting“ ins Kino. Wir trafen den energiegeladenen Briten vorab zum Gespräch.

Romanautor Irvine Welsh schrieb schon 2002 seine „Trainspotting“-Fortsetzung „Porno“. Wieso hat die Verfilmung so lange gedauert?

Danny Boyle: In „Porno“ geht es darum, was viele Jahre später aus den Figuren geworden ist. Doch unsere Darsteller sahen jahrelang kein bisschen älter aus als damals! Offenbar hatten sie zu gesund gelebt. Man denkt ja immer, Schauspieler würden sich permanent irgendwelchen Alkohol- und Drogenexzessen hingeben – aber in Wirklichkeit reiben sie sich täglich stundenlang mit Feuchtigkeitscreme ein, machen regelmäßig Yoga und gehen jeden Abend um zehn ins Bett. Wir mussten warten, bis der Zahn der Zeit an ihnen genagt und ihre Gesichter ordentlich verunstaltet hatte.

Und jetzt war es so weit?

Danny Boyle: Ja. Es gab aber noch ein weiteres Problem: Unsere erste Drehbuchadaption von „Porno“ war einfach nicht gut genug – im Prinzip war es bloß ein Aufguss der alten Geschichte. Nun haben wir uns noch mal zusammengesetzt, und plötzlich wurde etwas viel Persönlicheres daraus. In unserer Fortsetzung geht es jetzt ums Älterwerden, um Enttäuschungen und vertane Chancen. Mit Mitte 40 fragst du dich, was du aus deinem Leben gemacht hast, und das ist für die meisten von uns ziemlich schmerzhaft.

Wie war denn das Wiedersehen mit der alten Darsteller-Truppe?

Danny Boyle: Wie eine Art Klassentreffen – einerseits ganz wunderbar, andererseits auch ein bisschen qualvoll. Du bist neugierig, was aus den anderen geworden ist, doch wenn du sie siehst, ist es so, als würdest du in einen Spiegel blicken: Dir wird klar, wie sehr du selbst gealtert bist. Einige von uns hatten sich im Laufe der Zeit völlig aus den Augen verloren. Ewan McGregor hat zehn Jahre lang kein Wort mit mir gesprochen.

Wie kam es zu dem Zerwürfnis?

Danny Boyle: Er war zu Recht stinksauer darüber, dass ich ihm nach drei gemeinsamen Filmen nicht wie versprochen die Hauptrolle in „The Beach“ gegeben hatte, sondern Leonardo DiCaprio. Im Nachhinein tat mir mein schäbiges Verhalten sehr leid. Aber inzwischen hat Ewan mir verziehen, und wir sind wieder ein Herz und eine Seele. Er ist etwas ganz Besonderes, nicht nur als Schauspieler.

Bereuen Sie sonst noch etwas, wenn Sie auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicken?

Danny Boyle: Nein, so ticke ich nicht. Natürlich habe ich Fehler gemacht, aber ich trauere nicht irgendwelchen versäumten Gelegenheiten hinterher. Ich habe tolle Kinder, die mich nicht hassen, obwohl ich so oft weg war. Zu meinem 60. Geburtstag im vergangenen Oktober haben mir meine beiden Töchter eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn zum Baikalsee geschenkt, dem größten, tiefsten und ältesten Süßwassersee der Erde. Für mich ist das der Mittelpunkt der Welt, und ich wollte schon immer einmal in diesem See schwimmen. Vielleicht hätte ich irgendwann bereut, das nicht gemacht zu haben, doch dank meiner Töchter ist dieser Traum in Erfüllung gegangen.

Sie haben mal gesagt: „Zu viel Erfolg macht dumm.“ Wie haben Sie das nach Ihrem Oscargewinn verhindert?

Danny Boyle: Du musst sehr aufpassen, wenn du plötzlich eine Sonderbehandlung bekommst und ständig eine schicke Limousine für dich bereitsteht. Du darfst keine Orte aufsuchen, an denen sich Speichellecker herumtreiben, die dir sagen, wie super du bist. Erfolg ist schrecklich, weil er dich lähmt. Er hemmt dich in deiner Entwicklung. Er gibt dir Selbstsicherheit, doch das ist gar nicht immer gut. Selbstsichere Leute machen oft grauenhafte Filme.

Also ist Ihnen Misserfolg lieber?

Danny Boyle: Nein, Misserfolg ist ein verdammter Albtraum! Aber ich habe das Glück, Kinder zu haben, die verhindern, dass ich abhebe: Sie kritisieren mich andauernd und pfeifen auf meinen Erfolg. Zudem hilft es sehr, in Nordengland oder Schottland zu arbeiten. Denn wenn du dort den erfolgreichen Macker raushängen lässt, dann machen sich die Leute sofort über dich lustig. Sie töten dich buchstäblich mit ihrem Humor!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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