Störung verursacht Verspätungen auf der Linie S7

Störung verursacht Verspätungen auf der Linie S7
+
Ein fröhliches Quartett von Freunden – vor der Guillotine: Pascal Riedel als Lacroix, Pascal Fligg als Danton, Leon Pfannenmüller als Philippeau und Sohel Altan G. als Camille Desmoulins (v. li.).

Premierenkritik

„Dantons Tod“ am Münchner Volkstheater

München - Hausherr Christian Stückl inszenierte fürs Münchner Volkstheater Georg Büchners Drama „Dantons Tod“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Zart zirpend ertönen von einer kleinen Musikwalze die Klänge der Französischen Revolution. Ein hübsches Mädchen dreht sich wie ein Spieluhrfigürchen auf der Tischplatte. Der Mann redet gscheit daher und „musiziert“, sie tanzt: das Liebespaar Lucile und Camille in einer Idylle. Vom anderen Paar, Julie und Danton, wird diese heitere Szene schnell zerstört. „Ich liebe dich wie das Grab“, erklärt der einstige Held der Republik, der hereingerast ist, gequält von der Erinnerung an die eigenen Polit-Morde („Notwehr“). Und auch Stefan Hageneiers Bühnenbild macht klar: Hier herrschen Abbruch, Umbruch, Aufbau – aber nichts geht vorwärts in diesen Räumen, die nur aus Verschalungsstreben und ein bisschen Dämmwolle bestehen. Mit der ersten Szene führt Hausherr Christian Stückl hinein in Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ (1835). Es hatte am Donnerstagabend am Münchner Volkstheater Premiere (rund zweieinhalb Stunden inklusive Pause).

Die Besetzung

Regie: Christian Stückl.

Ausstattung: Stefan Hageneier.

Musik: Micha Acher, Markus Acher.

Darsteller: Pascal Fligg (Danton), Sohel Altan G. (Camille Desmoulins), Jean-Luc Bubert (Robespierre), Kristina Pauls (Julie, Dantons Frau), Leon Pfannenmüller (Philippeau), Pascal Riedel (Lacroix), Stefan Ruppe (St. Just), Mara Widmann (Lucile, Camilles Frau), Tobias Zettelmeier (ein Adeliger).

Mit diesem Einstieg signalisiert der Regisseur zugleich, dass ihn an dem Stück nicht das bunte Pariser Revolutionsbild mit Zockern, Huren, Lustmolchen, armem und blutgierigem Volk interessiert, sondern die Essenz: die Ideologie von Umsturz und Machterhalt – und wie die Menschen Macher und Opfer zugleich werden. Obwohl Stückl Episoden ineinandergeschoben, Sätze mitunter auf andere Figuren verteilt, auch mal neue Personenkonstellationen „erfunden“ hat, bleibt er doch Schulter an Schulter mit Büchner, gibt nichts billig heraus. Weder für die Schauspieler noch für die Zuschauer. Büchners gerade im „Danton“ üppige Formulierungskunst wird genauso ernst genommen wie die einfließenden Moralphilosophien, Staatstheorien oder Gottesbeweise.

Der Volkstheaterprinzipal stellt sich damit äußerst wohltuend gegen den gängigen Bühnentrend der Hirnschrumpfung. Er glaubt an ein Publikum, das gern seine kleinen grauen Zellen in Schwung bringen möchte. Und für die Schauspieler selbst ist diese Textarbeit fast ohne äußerliche „Action“ ein wunderbares Exerzitium, um Sprechen, geistige Durchdringung und die Intensität der minimalen Körpersprache zu trainieren. Hier zeigt sich Stückl als gereifter, kluger Ensemble-Pfleger.

Die Handlung

Danton, ein Held der Französischen Republik, hat keine Lust mehr auf Politik. Das Leben scheint ihm sinnlos, das Morden sowieso, er gibt sich nur mehr dem Genuss hin. Als ihm die revolutionären Männer um seinen ehemaligen Mitstreiter Robespierre den Prozess machen und die Guillotine droht, versucht Danton, sich ein letztes Mal zu wehren, sich und seine Freunde zu verteidigen – jedoch vergeblich.

Das bedeutet, dass man zum Beispiel Kristina Pauls (Julie) und Mara Widmann (Lucile) noch nie so intensiv erlebt hat wie in dieser Aufführung. Erst als Pauls ihren eindrucksvollen Freitod-Monolog mit Irresein-Getue überdeckt, ist diese Tiefe verloren. Auch dem Körperschauspieler Jean-Luc Bubert tut die strenge Gefasstheit des Robespierre sichtlich gut – obwohl man ihm in der Premiere die Anstrengung (noch) anmerkte. Das hängt natürlich mit der konzentrierten Disputationskunst zusammen, die Büchner den Schauspielern abverlangt – intellektuelles Florett auf höchstem Niveau. Ob Pascal Fligg (Danton), Sohel Altan G. (Camille), Pascal Riedel (Lacroix) und Leon Pfannenmüller (Philippeau), sie alle formen ihre Figur gut und schlagen sich in diesen Wortgefechten hoch respektabel (insbesondere Altan G. und Pfannenmüller machen neugierig auf mehr) und beweisen, wie aktuell die „Danton“-Diskussion immer bleiben wird: Wenn ich politisch etwas ändern will, wie weit darf oder muss ich gehen? Danton hat sich vom Töten abgewandt („Man arbeitet heutzutage mit Menschenfleisch.“). Robespierre und St. Just (Stefan Ruppe) verteidigen es als notwendig.

Die drei werden von der Inszenierung nicht als Übermenschen der Revolution gezeigt, sondern als Normalos. Bei dem Danton von Pascal Fligg, so differenziert er ihn spielt, wird das jedoch zum Problem. Im Stück ist er eben die Persönlichkeit, die trotz Passivität, Weltekel und Todessehnsucht den politischen Gegnern so viel Angst macht, dass sie ihn unbedingt auf die Guillotine schicken wollen. Dieses Mordmotiv funktioniert aber durch Stückls und Fliggs Deutung nicht mehr. Da bleibt eine empfindliche Leerstelle.

Elegant ist hingegen der Schluss: der Gang in den Tod. Nach Aufbegehren und Verzweiflung parlieren die Herren so lange in gewitzten Aphorismen, bis sie die Contenance haben, würdevoll zu sterben – ein heiteres Quartett von Freunden. Und das Leid der zurückgelassenen Frauen lässt Christian Stückl direkt auf den stummen Schlächter Robespierre treffen (nicht im Drama). Die Opfer haben das letzte Wort.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen am Samstag, 27. Oktober sowie am 4., 5., 23. und 27. November; Telefon 089/ 523 46 55.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Der Architektenwettbewerb ist entschieden, ab 2018 könnte gebaut werden. Doch wie soll das Münchner Konzerthaus geführt werden? Dirigent Mariss Jansons denkt an eine …
Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land
Hisham Matar erzählt in „Die Rückkehr“ von seiner Heimat Libyen und von der Suche nach seinem Vater, der von Gaddafis Schergen entführt wurde. Dafür wird der Autor in …
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land
Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Zusammen mit seinem Bruder Angus gründete Malcolm Young 1973 AC/DC und schrieb Rockgeschichte. Jetzt ist der Gitarrist nach langer Krankheit im Alter von 64 Jahren …
Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron
Trotz eines gebrochenen Beins tritt Marilyn Manson in der Münchner Zenithhalle auf. Dort bietet er seinen Fans eine kurze, aber wohl unvergessliche Show - bis die …
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron

Kommentare