+
Sieht eigentlich ganz harmonisch aus - aber Lolo (Vincent Lacoste, re.) will Jean-René (Dany Boon), den neuen Freund seiner Mutter Violette (Julie Delpy), loswerden. Die Komödie, bei der Delpy auch Regie führte, startet am Donnerstag.

Interview

„Die Pubertät gebiert Teufelchen“

  • schließen

Es war der französische Kinoerfolg der vergangenen Jahre: Mit der Komödie „Willkommen bei den Sch’tis“ wurde Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Dany Boon europaweit bekannt. Ab Donnerstag ist er neben Julie Delpy in „Lolo“ zu sehen. Untertitel des Films: „Drei ist einer zu viel“. Überaus passend, geht es doch um ein verwöhntes Muttersöhnchen, das den neuen Freund (Boon) der Mama loswerden möchte. Ein Gespräch über Erziehung, Familie und die Kunst, über sich selbst lachen zu können.

Sind Frauen schuld, wenn Männer Pantoffelhelden werden? Weil Mütter ihre Söhne zu sehr verwöhnen?

Tja, vermutlich schon. Eltern sollten generell öfter nein sagen. Unsere Generation verwöhnt Kinder zu sehr. In den Siebzigerjahren begann das, da haben Psychologen gesagt: „Du solltest nicht nein sagen, töte nicht die Träume ab!“ Aber Fakt ist: Kinder brauchen Limits.

Fällt es Ihnen leicht, Grenzen zu setzen? Sie haben selbst fünf Kinder.

Nein, es ist schwer. Es ist einer der schwierigsten Jobs auf der Welt, Eltern zu sein. Und dann kommen die Kinder in die Pubertät, und alles ist anders. Da werden sie von einem Tag auf den anderen zu Teufelchen.

Traurig, oder?

Traurig und angsteinflößend! (Lacht.) Natürlich ist es vor allem schwierig für sie selbst. Es ist alles kompliziert in ihren Herzen, ihren Gedanken und ihren Leben. Alles ist so wichtig. Schon ein einfacher Satz kann sie fertig machen. Sie wollen sich das Leben nehmen, nur weil du sagst: „Ich mag deine Frisur nicht so.“

Gilt das nicht eher für Mädchen?

Das gilt für alle. Ich weiß das aus Erfahrung: Ich habe vier Söhne und eine Tochter. Sie ist die Jüngste. Und sie ist der Boss. Mädchen sind fantasievoller als Jungs. Sie haben mehr Blut im Kopf. Wenn Sie verstehen, was ich meine? (Lächelt.) Mädchen sind intelligenter, selbstbewusster.

Mir gefällt es, das niederzuschreiben!

Es stimmt! Doch zurück zur Erziehung: Die Kinder wachsen heute mit allem auf. Ich selbst bin in einfachen Verhältnissen groß geworden, da gab es ein Geschenk zum Geburtstag und ein Geschenk zu Weihnachten. Das war’s. Heute ist es verrückt: tausende Geschenke. Die Kinder sind gelangweilt davon. Videospiele, Fernsehen, iPads, irgendwann ist es genug.

Haben Ihre Kinder Smartphones?

Nein.

Im Film schreibt Violette ihrem Partner Dutzende SMS, völlig paranoid, weil er nicht antwortet. Sind Liebesbeziehungen durch die neue Technik schwieriger geworden? Weil wir Gefühlsausbrüche unmittelbar übermitteln können. Sollten wir zu Liebesbriefen zurückkehren?

Oh ja! (Lächelt verträumt.) Klar, du kannst auch viel Liebe in eine SMS legen. Doch das ist weniger romantisch. Wenn du einen Liebesbrief schreibst, nimmst du dir Zeit. Du sitzt da, du nimmst das Papier, den Stift, denkst nach, schreibst es nieder. Sprühst am Ende noch etwas Parfüm auf die Seiten. Wenn du eine SMS schreibst, bekommst du währenddessen eine andere Nachricht, wirst unterbrochen, abgelenkt. Da kann es passieren, dass du mitten in einem Meeting eine Nachricht absetzt à la: „Oh ja, ich liebe dich auch, du bist der Sonnenschein meines Lebens!“ Und dann – „Sorry, ich bin so fucking busy!“

Haben Sie Sorge, dass Ihre Kinder sich eines Tages nur noch auf digitale Medien verlassen?

Klar, etwas schon. Doch ich habe meine Tricks dagegen. Ich bringe sie dazu, viel zu lesen. Echte Bücher. Erst sagen sie natürlich: „Das ist langweilig!“ Ich entgegne dann: „Ich zwinge dich ja nicht dazu, das ganze Buch in den nächsten vier Stunden zu lesen, aber gib’ ihm eine Chance. Lies fünf bis zehn Seiten, wenn dir dann langweilig wird, hör’ auf.“ Und um mir einen Gefallen zu tun, probieren sie es. Nach einer Weile schaue ich sie an und sage: „Deine Augen, dein Gesichtsausdruck – da ist irgendwas! Du schaust intelligenter aus! Hast du ein Buch gelesen?“ Da sind sie stolz wie Bolle.

In „Lolo“ geht es auch ums Vergeben. Gibt es Ihrer Meinung nach etwas, was unverzeihlich ist?

Ich denke, es gibt Taten, die man nicht vergeben kann. Aber du kannst versuchen zu verstehen, warum die Person den Fehler begangen hat. Ich hatte zum Beispiel eine sehr schlechte Beziehung zu meiner Großmutter. Sie wollte nicht, dass ich zu ihrer Beerdigung komme. Ich habe ihren letzten Wunsch akzeptiert. Meine Mutter hatte Sorge, dass ich sauer sein könnte, aber ich sagte: Nein, ich verstehe das.

Wir sollten also nach Gründen für das Verhalten eines Menschen schauen?

Ja! Es gibt nicht Schwarz und Weiß. Meist gibt es eine Erklärung. Manchmal hast du wirklich bescheuerte und dumme Menschen um dich herum, die gemein sind und unmenschlich. Aber auch dafür gibt es einen Grund.

Und aus welchem Grund spielen Sie immer den liebenswerten Trottel?

Ich bin von Natur aus tollpatschig und ein Tagträumer, als Kind bin ich ständig hingefallen. Ich sah auch nicht aus wie alle anderen, meine Ohren sind riesig. Die anderen Kinder begannen, sich über mich lustig zu machen. Darüber war ich ziemlich traurig. Aber dann entschied ich mich, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Mit ihnen gemeinsam zu lachen. Hinzu kam, dass meine Mutter ein recht trauriger Mensch war. Als ich fünf, sechs Jahre alt war, habe ich verstanden, dass ich sie zum Lachen bringen kann. Mein Ziel wurde, Menschen zu unterhalten. Ich liebe das.

Sind Sie ein Mamakind?

Ja. Sie war 17, als sie mit mir schwanger war. Sie war meine Mutter, Schwester, Freundin, mein Doktor, und sie ist großartig. Wir haben eine sehr enge Beziehung. Ich war ein Muttersöhnchen. Deshalb wurde ich Hypochonder. Weil sie so ängstlich war. Es hieß immer: „Mach’ dies nicht, tu’ das nicht.“ Zum Beispiel war ich völlig verrückt nach Fußball. Und ich war gut. Doch eines Tages kam ich vom Training zurück, es war Herbst und recht kalt, und sie rief: „Deine Beine sind blau! Du musst mit Jacke und langen Hosen spielen!“ Dann ist sie in der nächsten Woche mit mir zum Training gegangen und sagte dem Coach: „Mein Junge zieht lange Hosen an. Und Handschuhe.“ Er sagte: „Nein, das ist Fußball. Wir spielen mit kurzen Hosen.“ Das war mir so peinlich! Alle meine Freunde haben das gesehen. Sie hat sich entschieden, dass ich das nicht mehr darf. „Du gehst jetzt schwimmen. Das ist drinnen, sie wärmen das Wasser.“ So wurde ich zum Schwimmer.

Sie wissen als Mamakind also, wie sich das für den Jungen im Film anfühlen muss, wenn die geliebte Mama immer wieder neue Partner hat?

Zwei meiner Kinder sind aus früheren Beziehungen. Sie waren jung, als wir uns trennten, sie sind es gewohnt. Aber am Anfang war es schwierig. Als meine älteren Kinder fünf Jahre alt waren, sagten sie zu meiner Frau: „Ich mag dich nicht.“ Das ist hart. Aber gleichzeitig ist es ein Test, um Aufmerksamkeit zu bekommen und zu sehen, wie sie antwortet. Und sie hat das großartig gemacht. Heute ist es anders: Wenn ich sie anrufe und sage: „Hey, wir treffen uns im Sommer im Ferienhaus, komm’!“, heißt es: „Ich kann nicht, Daddy.“ Darauf ich: „Okay, möchtest du dein Mädchen mitbringen?“ „Darf ich? Dann komme ich.“(Lacht.)

Sie haben also auch hier Ihre Tricks, was?

Ja, oh ja!

Das Gespräch führte

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare