Darf das Grauen komisch sein?

- Worüber darf gelacht werden? Worüber nicht? Die ewige Frage der Kunst. Schon wer sie stellt, erweist sich als einer, der verbieten will und erlauben möchte. Unsere neue Gängelungsgesellschaft hat sich unter "Anleitung" des ehrwürdigen Ralph Giordano (83) eingeschossen auf einen aktuellen "Fall" -­ auf "Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" von Regisseur Dani Levy ("Alles auf Zucker") mit Helge Schneider als Hitler.

Noch ist der Film öffentlich nicht zu sehen ­- auch Giordano kennt ihn nicht ­, da bekundet der Schriftsteller "Bauchgrummeln" wegen dieses Films ­- "gerade in Hinblick auf den Zusammenhang zwischen den Worten ,Hitler’ und ,Humor’". Generell sei es zwar gut, dass man sich auch filmisch mit Hitler auseinandersetze, doch sei es ein schmaler Grat, "der dann entscheidet, ob es künstlerisch gelingt oder nicht. Wenn nicht, richtet das Schaden an, wenn das Publikum denkt, Hitler sei eine Witzfigur."

Man soll das Publikum nicht unterschätzen. Man soll nicht vorverurteilen. Man soll sich, anstatt zu moralisieren und zu dozieren, fragen, ob die Inkarnation des Grauens möglicherweise künstlerisch gar nicht anders darzustellen ist als mit den Mitteln der Komödie.

Denn was ist das Komische? Doch nur die Kehrseite des Tragischen. Die Versuche, das Unfassbare, den Massenmord der Nazis, den Tod der Millionen zum Thema von Tragödien zu machen, ob im Film oder im Theater, münden bekanntermaßen nicht selten in politisch korrekten Kitsch, in Gefühlskulissen aus Pappmaché. Also: Warum nicht lachen über Hitler? Zumal es weltberühmte Beispiele dafür gibt, die belegen, dass der politische Massenmörder künstlerisch sehr viel genauer mit den Mitteln der Komik zu erfassen ist, als mit noch so perfekter naturalistischer Einfühlungs-Schauspielerei eines Bruno Ganz‘. Man denke an die genialen Filmkomödien "Der große Diktator" von Charlie Chaplin, an Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein". Erinnert sei an Bertolt Brechts Clowns-Parabel "Arturo Ui", an George Taboris absurd-makabres Stück "Mein Kampf". Und auch Hans Jürgen Syberberg hat sich 1975 für seinen "Hitler ­ Ein Film aus Deutschland" den grandiosen Komiker Heinz Schubert ("Ekel-Alfred") ausgesucht. Lachen auch bei Christoph Schlingensiefs "100 Jahre Adolf Hitler", bei Walter Moers‘ kurzem Trickfilm "Der Bonker", bei Mel Brooks‘ "The Producers", basierend auf dem Broadway-Musical "Frühling für Hitler"...

Und dennoch: Das Thema ist natürlich widersprüchlich. Chaplin selbst sagte einmal: "Hätte ich etwas von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte ,Der große Diktator’ nicht zustandebringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können."

Welche Form ein Künstler für seinen Film, für sein Stück wählt, ist einzig seine individuelle Entscheidung. Ebenso, worüber einer lacht oder nicht. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt in der Kunst nur ein Gut oder Schlecht. Und darüber wird ab nächster Woche das Kinopublikum entscheiden. Ungeachtet der Meinung von Hitler-Darsteller Helge Schneider, der sich wenige Tage vor der Uraufführung am 9. Januar in Essen lautstark und werbewirksam von dem Film distanziert: "Es geht nur noch darum, wie Hitler gesehen werden soll: nämlich als Schwächling. Das ist mir zu profan. Jetzt gefällt mir der Film nicht mehr, weil er nichts mehr aufreißt." Schneider sollte sein Honorar den Holocaust-Gedenkstätten spenden.

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