Wer darf wie viel an Konzerten verdienen?

Musikveranstalter und Bühnenbesitzer sind in Aufruhr. Das Ziel ihres Ärgers: die Gema. 95 000 Menschen haben im Internet bereits eine Petition unterschrieben, wonach der Bundestag dem altehrwürdigen Verein auf die Finger klopfen soll. Dieser fühlt sich missverstanden, absichtlich missverstanden.

Es wird gekeift, es wird geschimpft. „Kultur-Vernichter“, „völlig undemokratisch“, „arrogant“, „Tariferhöhung um 600 Prozent“ sind nur einige der Vorwürfe, die sich die Gema dieser Tage gefallen lassen muss. Bereits über 95 000 Personen haben im Internet eine Gema-kritische Petition unterzeichnet. Minütlich kommen neue Unterschriften hinzu. Monika Bestle, Leiterin der Kulturwerkstatt in Sonthofen, hat den Aufruf initiiert. Demnächst wird sich der Bundestag der Sache annehmen.

Zur Erinnerung: Die Gema vertritt in Deutschland die Urheberrechte von über 60 000 Komponisten, Autoren und Musikverlegern, zudem von mehr als einer Million Rechteinhabern aus aller Welt. In der Petition heißt es, „der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass das Handeln der Gema auf ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, Vereinsgesetz und Urheberrecht überprüft wird“. So weit, so nüchtern. Spricht man aber mit Bühnenbetreibern, wird es rabiater. „Uns wird die Luft abgeschnürt“, sagt Thomas Vogler, der eine Jazzbar in München hat. Die Gema-Mindestgebühren seien viel zu hoch – genauso wie der Verdienst der drei Vorstände. „Die bekommen 350 000 Euro – das ist doch ein Selbstbedienungsladen“, regt sich Vogler auf.

Der Druck auf die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, so der volle Name, ist groß. Die Institution geht in die Offensive und fühlt sich völlig falsch verstanden. „Bei der Faktenlage geht einiges durcheinander“, sagt Vorstandsvorsitzender Harald Heker. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, dass kleine Bühnen bald mit Preissteigerungen rechnen müssen. „Die Konzerttarife für kleinere Veranstaltungen wurden nicht erhöht.“ Wurden nicht erhöht, wurden nicht erhöht. Mantra-gleich versucht die Gema, die Besitzer kleiner Bühnen zu beruhigen. Nach wie vor gelten die alten Tarife. Eine Beispielrechnung: Bei einer kostenlosen Musikveranstaltung in einem Club mit 100 Quadratmetern muss der Betreiber rund 20 Euro Gema-Gebühren zahlen. Je größer der Raum und je höher der Eintrittspreis, desto höher auch die Gebühr. Ralf Binder von der Muffathalle in München erklärt, dass pro Konzert in der Muffathalle (Kapazität 1200 Personen) oder im dazugehörigen Ampere (440) zwischen 200 und 700 Euro zu zahlen sind. Auch er hat die Petition unterschrieben. Wenn er mit den Bands spreche habe er den Eindruck, sie seien mit der Verteilungspraxis der Gema sehr unzufrieden. Tobias Kohler von der Olympiahalle bemängelt in erster Linie „ein großes Transparenzdefizit“.

Durch die Internetforen wabert oftmals eine diffuse Angst, die Gema, diese Krake, ruiniere die Konzertveranstalter und die ganze Kulturbranche gleich mit. Die Stimmung ist gereizt. Aus Sicht der Gema sind die Hauptschuldigen an dieser Situation „die professionellen Konzertveranstalter, die sich auf die Petition gesetzt haben“ (Heker). Von Guerilla-Marketing und gestreuten Falschmeldungen ist die Rede.

Kleine Veranstalter werden von der Gema geschont, große sollen allerdings sehr wohl stärker zur Kasse gebeten werden. „Von einer Erhöhung der übrigen Tarife bis zum Jahr 2014 stufenweise auf acht Prozent netto“, ist die Rede. Der Verein hat sich die Kalkulationen von Konzerten mit 3000 bis 15 000 Besuchern angeschaut – und sieht Nachbesserungsbedarf. Bei einem Konzert mit 10 000 Zuhörern (60 Euro Eintritt) bekommt die Gesellschaft knapp 9000 Euro. Im Verhältnis müssen die kleinen Bühnen weit mehr bezahlen. „Die Gebühr liegt unter dem Preis für die Dixie-Toiletten“, sagt Karl-Heinz Klempnow, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Gema.

Und für die Gema gibt es noch einen Schuldigen an der ungestümen Debatte: Internetforen. „Das Thema hat auch was von Bundestrainern. Jeder weiß was. Man nennt sich im Internet Gurken-Gustav – und schreibt irgendwas“, sagt der stellvertretende Aufsichtsratschef Frank Dostal. Als die Gema 1903 gegründet wurde, gab es dieses Problem jedenfalls noch nicht.

Stefan Sessler

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