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Markus Hering als „der Mann“ bei den Proben zu dem Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“.

„Das bleibt eine große Suche“

München - Schauspieler Markus Hering spricht zur Premiere im Marstall im Merkur-Interview über Handkes „Schöne Tage von Aranjuez“, Adam und Eva und das Zuhören.

Als „Sommerdialog“ bezeichnet Peter Handke sein neues Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“: Zwei namenlose Personen umkreisen einander und die eigene Vergangenheit. Am Samstag feiert das Stück mit Markus Hering und Michaela Steiger in den Hauptrollen Premiere im Münchner Marstall (Bayerisches Staatsschauspiel). Regie führt Daniela Löffner. Im Interview erzählt Markus Hering von seiner neuen Bühnenarbeit.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie Peter Handkes neues Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“ zum ersten Mal gelesen haben?

Ich war ratlos. Ehrlich gesagt, habe ich ziemlich wenig verstanden. Handke macht keinerlei konkrete Angaben zu den Protagonisten oder den näheren Umständen ihres Treffens. Das macht seinen Text einerseits leicht wie ein Soufflé und andererseits schwer greifbar. Als Schauspieler konnte ich mich nicht wie sonst üblich in meine Figur und ihre Psychologie hineindenken, weil Handke gar keinen bestimmten Mann beschreibt.

Handke bezeichnet die beiden Protagonisten als „die Frau“ und „der Mann“. Die beiden sind zwei Prototypen, wie Adam und Eva. Handke versucht, in seinem Stück auf allgemeingültige Art und Weise über die Liebe zu schreiben.

Und über deren Scheitern. Ja. Am Ende des Stücks ist klar, dass eine glückliche Liebe unmöglich ist – ein ziemlich deprimierendes Fazit. Trotzdem kämpfen die beiden Protagonisten um diese Liebe, sie sind dazu verdonnert, es immer wieder zu versuchen. Aber irgendwie schaffen sie es nicht, miteinander zu kommunizieren.

Sprechen Männer und Frauen grundsätzlich verschiedene Sprachen?

Ich glaube, dass Männer und Frauen in bestimmten Situationen unterschiedlich reagieren und auf unterschiedliche Art und Weise kommunizieren. Das kann wie bei Handke zu dem fatalen Schluss führen, dass eine Liebe unmöglich ist. Das muss aber nicht so sein. Im besten Fall entstehen aus dieser Verschiedenheit Synergien.

Wie haben Sie sich dem Stück und Ihrer Figur schließlich angenähert?

Zunächst einmal habe ich mich gefragt: Wieso reden die beiden überhaupt miteinander? Was ist der Grund für diesen Dialog? Zusammen mit der Regisseurin Daniela Löffner haben wir dann die Idee entwickelt, dass die beiden sich in einer Art Therapiesitzung treffen. Das hat mir schon mal geholfen, mir die ganze Situation besser vorzustellen. Eine große Unterstützung  war  für mich aber  auch das Bühnenbild.

Inwiefern?

Wir spiegeln die Gesprächssituation. Auf der einen Seite sitzt die Frau in ihrer Küche und spricht mit einem imaginierten Mann, auf der anderen Seite sitze ich in meiner Küche und spreche mit einer imaginierten Frau. Das verortet das Stück einerseits und bewahrt ihm andererseits seine Offenheit, weil der Zuschauer diese zwei Räume für sich zusammensetzen muss – und dabei zu ganz unterschiedlichen Deutungen kommen kann.

Wieso ist es Ihnen so wichtig, diese Offenheit zu bewahren?

Weil Handkes Text äußerst fragil ist. Wenn man den zu sehr konkretisieren würde, würde man ihn zerstören. Das ist die Gratwanderung bei dieser Inszenierung: einerseits die Worte ganz konkret wirken zu lassen und andererseits den Zuschauern so viele Deutungsvarianten wie möglich zu belassen.

Peter Handkes Stück hat keine Handlung. Wie schaffen Sie es als Schauspieler da, doch die ganze Zeit über die Spannung zu halten?

Das hat zum einen mit dem eigenen Verhältnis zum Text zu tun. Anfangs fand ich Handkes Sprache ziemlich verquast. Irgendwann im Probenprozess haben die Worte dann für mich plötzlich gestimmt, das war, als würde noch mal eine Tür aufgehen. Ich habe verstanden, dass der Mann genauso und nicht anders reden muss. Wenn man diese Notwendigkeit spürt, bekommt die Sprache eine ganz andere Kraft. Zum anderen muss man dem Schauspielpartner sehr genau zuhören: Wie sagt Michaela Steiger jetzt diesen Satz? Darauf muss man sich einlassen und dann reagieren. Das wird jeden Abend anders sein.

Klingt nach einem Experiment.

Stimmt. Bis zur Premiere am Samstag bleibt diese Inszenierung eine große Suche. Das ist allerdings kein Grund zur Aufregung, sondern im Gegenteil eine spannende Herausforderung.

Das Gespräch führte Katharina Mutz.

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