"Das Feinste, was wir kennen"

- Gut Sárvár, Ungarn, Winter 1944/ 45: Die Russen nahen. Mit Hilfe eines Budapester Diplomaten bringt Prinz Ludwig von Bayern, Enkel Ludwigs III., seine Familie in leeren Munitionszügen außer Landes. Und nicht nur sie: Mit den bewilligten Pferdetransporten schmuggelt er auch Kisten des edlen Familienporzellans nach Leutstetten bei Starnberg.

Tags zuvor hat man eine Jagd veranstaltet, um die Streckenposten mit Hasen und Fasanen milder zu stimmen. Was Katrin Stoll, Leiterin des Münchner Kunstauktionshauses Neumeister, da schildert, klingt wie aus einem Kriminalroman. Doch es ist ein wahres Kapitel aus der abenteuerlichen Vita des bayerischen Königsservice, das Ludwig III. und Marie Therese, Erzherzogin von Österreich-Este und Prinzessin von Modena, zur Goldenen Hochzeit am 20. Februar 1918 von ihren neun Kindern geschenkt bekamen.

Für 36 Personen und sieben Gänge

Stoll muss es wissen, schließlich trägt sich das jüngste Kapitel dieser Vita derzeit im Auktionshaus in der Barer Straße 37 zu - und bleibt spannend. Hier nämlich hat das Porzellan im Dezember mit 500 Teilen in den Vitrinen Platz genommen. Nur zwei Platten haben die Flucht aus Ungarn nicht überstanden; eine von ihnen wurde später ergänzt. Einen Tafelaufsatz verschenkte Ludwig III.; er befindet sich heute in der Nymphenburger Sammlung Bäuml.

Die Porzellan-Manufaktur Nymphenburg: An sie richtete sich 1917 der Auftrag zu dem weiß-blau-goldenen "Perl"-Service für 36 Personen und sieben Gänge, welches graue und sepiafarbene Ansichten zu Leben und Wirken von Ludwig III. und Marie Therese schmücken, detailreiche architektonische Darstellungen sowie ländliche Szenen, vom Geburtshaus der Königin und dem Segelboot des Königs bis zum gestochen schönen Münchner Panorama oder dem historischen Abbild des Wittelsbacher Palais. "Das sind ganz authentische und persönliche Veduten", sagt Katrin Stoll. Sie gingen alle auf die 900 Motivvorlagen - Fotos, Stiche, Aquarelle, Gemälde - zurück, welche königliche Verwandte und die Manufaktur beigesteuert hatten.

Das Königsservice zeichnet sich durch seine zwölfeckige Auliczek-Form aus (als Geschirrform erstmals umgesetzt im historischen Service von Dominikus Auliczek 1792-95, heute in der Residenz und im Nationalmuseum), die bis zur Weltausstellung 1900 dem Königshaus vorbehalten war. Bis Albert Bäuml den Prinzregenten Luitpold ersuchte, dieses Muster vermarkten zu dürfen. Kunsthistoriker und Kurator der Sammlung Bäuml, Alfred Ziffer: "Er bekam die Erlaubnis, weil Luitpold, der sehr modern für seine Zeit war, darin durchaus auch einen Werbeträger für bayerisches Kunsthandwerk gesehen hat."

Mit 750 000 Euro wird gerechnet

Die Entscheidung des Prinzen Ludwig von Bayern, sich von dem - seit seiner Fertigung lediglich viermal genutzten - Service zu trennen, ist anlässlich des diesjährigen Jubiläums "200 Jahre Königreich Bayern" gefallen. "Ich freue mich über das Vertrauen, das das Haus Wittelsbach uns entgegengebracht hat", betont Katrin Stoll und zeigt sich begeistert über den Erfolg der Nachforschungen - etwa zu den Malern des kuriosen Bildprogramms -, die mit der morgigen Sonderauktion noch nicht beendet sein wird.

Erstaunliches brachte Alfred Ziffer während seiner aufwändigen Recherchen aus dem großen Archiv der Manufaktur ans Licht: Etwa die Erkenntnis, dass einige Teile des Service erst aus einer späteren Bestellung des Prinzen Franz stammen. "Ich hatte viele Unterlagen über das Service schon in früheren Jahren zusammengetragen", erzählt Ziffer. "Aber in seiner Gesamtheit ,aufgeblättert’ habe ich es erst jetzt kennen gelernt." Das Service sei zwar erst in den Kriegsjahren entstanden, doch zu einem Zeitpunkt technischer Höchstleistungen. "Die Malerei ist das Feinste, was wir kennen."

Versteigert werden auch 36 vom Neffen Ludwig Ferdinand Prinz von Bayern beigesteuerte Mokkatassen sowie 102 weitere Serviceteile. Die Auktion erfolgt in 85 Konvoluten - den Abbildungen nach topographisch aufgeteilt in Regionen wie Allgäu, München, Chiemgau oder Tegernsee. Laut Stoll ist der Schätzpreis für das Service 250 000 Euro, man rechne jedoch mit mehr als 750 000 Euro. Die Zuschläge werden indes nur unter Vorbehalt gemacht: Falls jemand deren Summe noch überbieten will. Denn das wünschen sich Prinz Ludwig von Bayern, das Auktionshaus Neumeister und die Nymphenburger Manufaktur gleichermaßen: dass das Königsservice mit seinem enormen künstlerischen, ideellen und dokumentarischen Wert als Ensemble geschlossen bleibt.

Heute ab 19 Uhr, Tel. 089/ 231 71 00; Internet: www.neumeister.com

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