Fast wie im „Tatort“: Jan Josef Liefers (li.) darf für die Dokumentation „Obduktion“ dem Rechtsmediziner Michael Tsokos bei der Arbeit über die Schulter schauen. Genau wie die Zuschauer.
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Fast wie im „Tatort“: Jan Josef Liefers (li.) darf für die Dokumentation „Obduktion“ dem Rechtsmediziner Michael Tsokos bei der Arbeit über die Schulter schauen. Genau wie die Zuschauer.

TV Now wagt ein ungewöhnliches Experiment

Das gab`s noch nie im TV: Jan Josef Liefers und Rechtsmediziner Michael Tsokos obduzieren echte Leichen im Fernsehen

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Sie sind seit einigen Jahren befreundet. Und deshalb weiß Michael Tsokos, Rechtsmediziner, dass sein Kumpel Jan Josef Liefers, Rechtsmediziner im Münsteraner „Tatort“, das aushält: die Teilnahme an der Obduktion zweier Leichen, vor laufenden Kameras. Ab heute zeigt TV Now „Obduktion“, eine 90-minütige Dokumentation, in der Tsokos Schritt für Schritt das Rätsel um zwei echte Todesfälle löst. Wir sprachen mit dem Star-Mediziner vorab.

  • Jan Josef Liefers übernimmt die Rolle des Mittlers zwischen den Experten und dem Zuschauer
  • Im Zentrum der Dokumentation steht die Frage: War es ein Unfall, ein Suizid oder ein Tötungsdelikt?
  • Keine Sorge: allzu blutig wird es nicht

Einen „pietätvollen“ Einblick in die Welt der Rechtsmedizin wollten Sie laut Ankündigung schaffen. Wie pietätvoll kann es sein, wenn man im Fernsehen Menschen aufschneidet und untersucht?

Michael Tsokos: Das war natürlich eine echte Herausforderung, das so umzusetzen, dass es wissenschaftlich fundiert ist, dass es von den Bildern her anspruchsvoll ist – aber dass die Leute nicht nach drei Minuten abschalten. Ich glaube, das haben wir gut hinbekommen. Sie sehen als Zuschauer, dass ich arbeite, doch Sie sehen nicht immer, was ich gerade tue. Ich erkläre Jan Josef Liefers jeden Schritt und er stellt Fragen über die Abläufe. Das heißt, wir sehen hier weder offene Körper, noch Genitale, noch Gesichter der Leichen.

Sieht man, wie Sie ins Fleisch schneiden?

Michael Tsokos: Ja, das sehen Sie schon. Aber eben keine weit geöffneten klaffenden Körper oder sonstige Bilder, die manche Menschen so von der Rechtsmedizin haben. Wir beginnen mit der äußeren Leichenschau, dann folgt die Röntgendarstellung und immer wieder streuen wir Exkurse zu bekannten Fällen ein, zu Fragen, die Jan formuliert als Brücke für die Zuschauer –und natürlich werden auch Organe gezeigt, aber nie so, dass man sagt: Das kann man nicht senden.

Haben Sie während des Drehs darüber nachgedacht, dass es unterhaltsam sein muss für die Zuschauer?

Michael Tsokos: Ja, aus meinen Vorlesungen vor Medizinstudenten weiß ich, dass es nicht zu hart sein darf die ganze Zeit, weil die Leute sonst aussteigen. Man muss den Spannungsbogen halten, aber nie auf Kosten des Verstorbenen. Sie müssen den Leuten immer wieder Luft zum Atmen geben. Witzig ist unsere Sendung natürlich nicht, aber es ist mit Sicherheit die ganze Zeit spannend und nicht deprimierend oder gruselig.

Und für die Regie sicherlich eine Herausforderung – Szenen zu wiederholen geht hier ja schlecht...

Michael Tsokos: Das war, was mich vorher tatsächlich am meisten umgetrieben hat: Wir können alles nur einmal machen – und nicht wie beim Spielfilm sagen: nochmal! Und auch das, was man sagt, während man schneidet und untersucht, muss stimmen. Das war für mich höchste Konzentrationsarbeit, einerseits die richtigen Schnitte zu machen und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass die Kameraleute es gut einfangen, darauf zu achten, das Richtige zu sagen und sich nicht zu verhaspeln – ich war froh, als es gemeistert war.

Jetzt interessiert einen als Zuschauer natürlich: Wie realistisch ist etwa der „Tatort“ – ist es wirklich so, dass die Kommissare ständig bei Ihnen im Sezierraum stehen, wenn ein Tötungsdelikt vorliegt?

Michael Tsokos: Das ist richtig. Wenn es ein Tötungsdelikt ist, ist immer die Mordkommission von Anfang an dabei und auch eine Staatsanwältin oder ein Staatsanwalt.

Und dann sind Sie wie Jan Josef Liefers im „Tatort“ derjenige, der zu den Kommissaren sagt: Na, da schaut aber noch mal etwas genauer hin?

Michael Tsokos: Nein, nein, die wissen schon genau, was sie machen, die routinierten Beamtinnen und Beamten bei der Mordkommission. Aber sie sind natürlich dankbar für unsere Hinweise: Nach was für einer Tatwaffe sollten sie suchen? Was ergab die Obduktion? War die Tatwaffe ein Messer, eine Axt, ein Schraubenzieher, ein Samurai Schwert oder ein Baseballschläger? Das sind die Sachen, die wir feststellen und worauf sie ihre Ermittlungen ausrichten.

Gibt es auch Fälle, bei denen Sie sagen: Wir müssen aufgeben, der Körper sagt uns nicht die Wahrheit zu der Todesart?

Michael Tsokos: Klar, hier in Berlin führen wir 2300 Obduktionen im Jahr durch, so viele wie nirgendwo sonst bundesweit – da sind ein Großteil der Fälle hochgradig durch Fäulnis veränderte Leichen. Da interessiert es die Staatsanwaltschaft nicht, ob es Krebs war oder ein Herzinfarkt – sondern da geht es wirklich nur um den Ausschluss äußerer Gewalteinwirkung. Das können wir.

Gibt es dann auch das perfekte Verbrechen, das sie nicht sehen können?

Michael Tsokos: Tja, das kann ich Ihnen, liebe Frau Kraft, jetzt nicht hier präsentieren. (Lacht.) Das wäre ja als würde ich Ihnen die Anleitung zur Öffnung der Büchse der Pandora geben.

Aber das perfekte Verbrechen gibt es?

Michael Tsokos: Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass es nicht so ist, wie im Fernsehen immer suggeriert wird: Dass es nur unheimlich intelligente Mörder und Serienkiller gibt, die mit raffiniertesten Plänen kommen – in der Realität sind die meisten Taten eher 08/15. Die häufigsten Tötungsdelikte sind Erstechen mit Messern oder Tottreten, das ist für uns nicht schwer nachzuweisen.

Das heißt im Umkehrschluss, dass die meisten Gewaltverbrechen gar nicht geplant sind, sondern im Affekt passieren?

Michael Tsokos: Das würde ich so sagen. Wir kriegen dann Fälle wie einen Toten, der auf dem Aldi-Parkplatz im Streit um einen Stellplatz erstochen wurde...

Schockiert Sie das noch? Oder sind Sie schon völlig abgestumpft?

Michael Tsokos: Total abgestumpft. (Lacht.) Nein, ich kann das sehr gut trennen, das Berufliche und das Private. Wenn Sie den Ballast ständig präsent im Kopf hätten, den wir hier sehen auch an getöteten Kindern, an häuslicher Gewalt, an Frauen, die von ihrem Stalker getötet wurden, würden Sie seelisch Schaden nehmen. Ich kann das sehr professionell abarbeiten, das heißt, da bin ich völlig objektiv und emotionslos, auch wenn das ein getötetes Kind ist. Da weiß ich natürlich, dass da eine Familie wahrscheinlich dran zerbricht – aber ich lasse das nicht so an mich ran, dass ich mich nicht mehr richtig konzentrieren kann. Und Rechtsmediziner sind, das sehe ich bei meinen Kolleginnen und Kollegen, sehr positive Menschen. Wenn man so viel mit dem Tod zu tun hat, hat man einen anderen Blick aufs Leben – nämlich auf die Freuden und was das Leben einem bringen kann.

Sie sind auch nicht ängstlicher geworden? Denn Sie sehen ja täglich, welche Gefahren überall lauern...

Michael Tsokos: Also ängstlich nicht, aber als meine Kinder noch klein waren, war ich etwa schon froh, als die alle schwimmen konnten. Weil ich immer wieder diese tragischen Sachen habe, wo ein Kind beim Nachbarn in den Garten läuft und 20 Minuten später wird es dort ertrunken im Pool gefunden. Oder wo ein Fenster nicht gesichert ist, die Mutter denkt, das Kind schläft, sie nur kurz zum einkaufen geht – und der Dreijährige aufs Fensterbrett klettert und herunterfliegt... Man entwickelt vielleicht eine größere Umsicht. Aber es ist nicht so, dass ich mehr oder weniger Angst habe als andere Eltern, die ihr Kind mit sieben das erste Mal allein zum Brötchenholen schicken. Man muss sie groß werden lassen und ihnen was zutrauen.

Und wie hat sich eigentlich Herr Liefers geschlagen?

Michael Tsokos: Wir standen da über acht Stunden, wir haben das in einem Rutsch gedreht. Und Jan Josef Liefers hat sich sehr gut geschlagen. Da hatte ich aber auch keinen Zweifel. Wir sind gut befreundet und ich weiß, dass er ein naturwissenschaftlich unheimlich interessierter Mensch ist. Er war auch schon zwei Mal bei einer Obduktion bei mir dabei aus Interesse und als Vorbereitung auf die Rolle im „Tatort“ – deshalb wusste ich, dass er das aushält. Und ich wusste auch, dass er genau die richtigen Fragen stellt. Er hat das fantastisch gemacht.

Und nun ganz konkret gefragt: Wie eklig wird es für den Zuschauer?

Michael Tsokos: Eklig gar nicht. Es wird sicher für viele Menschen etwas sein, was sie so noch nie gesehen haben. Es wird aber auch mit vielen Irrtümern über die Rechtsmedizin aufräumen. Und ich glaube, dass der Zuschauer feststellen wird, dass die Rechtsmedizin das Rückgrat der Demokratie ist. Denn ohne sie kriegen Sie keine Rechtssicherheit in einem Staat, weil wirklich jeder Todesfall, der bei uns landet, akribisch untersucht wird.

Welche Irrtümer existieren denn über die Rechtsmedizin, mit denen Sie zu kämpfen haben?

Michael Tsokos: Zum Beispiel, dass wir allein im stillen Kämmerlein arbeiten. Dabei sind Rechtsmediziner in der Regel junge, sehr lebenslustige Frauen, die immer in einem großen Team zusammenarbeiten. Wir sind mindestens drei Obduzenten am Tisch, weil das Vieraugenprinzip festgeschrieben ist. Um den Menschen das zu veranschaulichen, öffne ich nun einmal unsere Türen für das Fernsehen. Es ging mir nie darum, voyeuristisch zu sein, sondern um eine wissenschaftliche Dokumentation. Im Sinne der Aufklärung.

Zu sehen ist die Dokumentation hier

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