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Nicht nur im Herbst herrscht in der Serenissima Land unter – im übertragenen Sinne.

Donna Leons Neuer

Kalte Duschen für Kommissar Brunetti

München - Vernichtende Analyse italienischer Verhältnisse: Donna Leon schickt ihren Kommissar Brunetti in die Abgründe Venedigs. Die Kritik zur Neuerscheinung "Das goldene Ei".

Es wird Herbst in Venedig. Noch muss sich Commissario Brunetti nicht dick einpacken, aber im Verlauf seines 22. Falls, der eigentlich gar keiner ist, bekommt er doch einige kalte Duschen verpasst – im wörtlichen Sinn. Im übertragenen Sinn verpasst ihm so eine Dusche gleich zu Anfang von Donna Leons Krimi „Das goldene Ei“ der wieder mal unausstehliche Vice-Questore Patta. Brunetti, ohnehin nicht gut zu sprechen auf die Politiker-Kaste, wird ausgerechnet für diese eingespannt. Es geht um einen „Gefallen“ für den Bürgermeister der Serenissima, der wiederum seinem Sohn helfen will, der wiederum seiner Verlobten...

Donna Leon

Die US-amerikanische Autorin, die seit langem in der Lagunenstadt wohnt, beginnt ihren Roman bewusst gesellschaftspolitisch; sie kritisiert ja stets konsequent, aber nie hochmütig zeigefingernd die verrotteten Strukturen Italiens. Deswegen schwenkt die Geschichte schnell auf ein scheinbar sehr seltenes Einzelschicksal um. Ein Mann wurde von seiner Mutter tot aufgefunden; alles sieht nach Suizid aus, da er zu viele Tabletten geschluckt hat. Als zunächst Namenloser wird er obduziert. Wie im vergangenen Buch legt Leon uns Lesern gewissermaßen ein weißes Blatt vor. Mit Brunettis Recherche, mit ihrem Schreiben füllt es sich vor unseren Augen – und unsere eigene Fantasie vollendet das Ganze. Der Commissario wird auf den Nicht-Fall aufmerksam, weil er jenen Mann aus seiner Reinigung im heimatlichen Viertel (in Venedig sind’s eigentlich Sestieren/ Sechstel) kannte. Er war wohl gehörlos und etwas geistig behindert. Brunetti beschleichen eine innere moralisch Unruhe und Selbstvorwürfe, dass man von einem hilfebedürftigen Nachbarn so wenig wusste. Erst der Tod weckt die Neugierde. Verstärkt werden diese Gefühle, als der Kriminaler noch Schlimmeres bemerkt: Nicht einmal die Mutter ist erschüttert vom Ableben ihres Sohnes und blockt jegliche Zusammenarbeit ab. Als der Polizeibeamte und seine Helfer (die angestammten, Vianello und Elettra, sowie die neuen, Pucetti und die Neapolitanerin Griffoni) herausfinden, dass es außer dem Namen Davide Cavanella nichts über den Verstorbenen in irgendwelchen Akten gibt, dass er bürokratisch nicht existiert, ist dem Brunetti-Fan klar: Der venezianische Schnüffler wird jetzt nicht mehr locker lassen, obwohl kein gerichtsverwertbaren Hinweis auf ein Verbrechen zu entdecken ist.

Das erweiterte Brunetti-Team gräbt sich zäh und geduldig bis in die Abgründe des Viertels San Polo hinunter, von Arm und Reich, in die einer alten Serenissima-Familie und von Aufsteigern, in die Abgründe von zerstörerischen Müttern und gequälten Kindern sowie von gesellschaftlicher Heuchelei (wozu die Religion zu gern herhält) und Gleichgültigkeit. Damit schlägt Donna Leon in ihrem so soghaften wie berührenden Werk den Bogen zu einer vernichtenden Analyse des Zustands des italienischen Gemeinwesens insgesamt: Herzenskälte, Wegschauen, Gier, Misstrauen, Unfähigkeit, Feigheit, Extrem-Egoismus. Exemplarisches Opfer davon ist Davide, der auf grauenhafte Weise vernichtet wurde. Auch wenn die Schriftstellerin die Gesellschaft im Blick hat, macht sie doch immer klar, dass für sie jeder Einzelne Verantwortung trägt.

Die melancholisch-skeptische Grundstimmung des Krimis puffert Donna Leon nur ein wenig ab: mit interessanten Exkursen über den Veneziano-Dialekt und das Lebenselixier Sprache, die traumschöne Stadt und die harmonischen Familienszenen der Brunettis. Es gibt eben doch eine sinn- und freudvolle Welt, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Simone Dattenberger

Donna Leon: „Das goldene Ei“. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich, 313 Seiten; 22,90 Euro.

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