„Das grenzt ans Wunderbare“

Populär und doch so unentdeckt: Zum heutigen 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy

Behaupten konnten die familiären Werbestrategen ja vieles. Aber war der Bub tatsächlich ein Wiedergänger Mozarts? Goethe blieb skeptisch und organisierte in seinem Weimarer Haus eine denkwürdige Prüfung vor so erlauchten wie kundigen Gästen. Es war der 8. November 1821. Zunächst sollte Felix am Klavier über das Lied „Ich träumte einst von Hannchen“ improvisieren, danach eine Bach-Fuge mit höllischen Trillern spielen. Später wurde das Fragment einer Mozart-Sonate vorgelegt, danach ein Autograf, das so unwirsch hingekrakelt war, so entsetzlich unlesbar, dass es nur von einem stammen konnte: von Beethoven.

Mochten die musikalischen Hürden noch so unüberwindlich erscheinen: Alles gelang perfekt. Ein Zufallstreffer? Drei Tage später – selber Ort, ähnliches Publikum – ein zweiter Durchgang. Offenbar zur Sicherheit. Und endlich war Goethe zufrieden, reagierte sogar enthusiastisch: „Was aber dieser kleine Mann im Phantasieren und Primavistaspielen vermag, das grenzt ans Wunderbare.“

Der Karajan des 19. Jahrhunderts

Die Aura des Wunderkinds, der jugendliche Komponierrausch, der frühe Tod mit 38 Jahren, natürlich wirkt dies alles ziemlich mozärtlich. Aber die Gemeinsamkeiten sind damit schon erschöpft. Denn ganz anders als das Salzburger Kindl konnte Felix Mendelssohn Bartholdy auf beste Karriere-Voraussetzungen vertrauen.

Im Unterschied zu Wolfgang Amadeus Mozart musste er sich, der einer wohlhabenden, hochangesehenen Familie entstammte, nie anbiedern und bei Verlegern und Hoheiten um Anerkennung betteln. Mendelssohn Bartholdy kam früh an wichtige musikalische Schaltstellen, wurde zum polyglotten, in ganz Europa verehrten Künstler. Vor allem aber: Er konnte seinen Ruhm, seine überwältigenden Erfolge wirklich selbst noch genießen.

„Felix, tust du nichts?“, die steten Ermahnungen der Frau Mama, nahm sich Mendelssohn Bartholdy zu Herzen. Allein zwischen seinem elften und sechzehnten Lebensjahr entstanden mehr als 100 Werke. Nebenbei malte er, brachte von seinen Reisen Aquarelle mit. Und auch später noch, als er sich auf musikalischen Meisterwerken ausruhen konnte, unterzog er diese ständig seinem „Revisionswahn“, wie es Biograf R. Larry Todd ausdrückt.
Seine Dirigenten-Positionen machten Mendelssohn Bartholdy zum Karajan des 19. Jahrhunderts. Und ohne seine legendäre Wiederentdeckung der Matthäus-Passion im Jahre 1829 wäre Johann Sebastian Bach wohl zur Spezialdisziplin für Musikwissenschaftler verkommen. Ebenso wie Franz Schubert, dessen „große“ C-Dur-Symphonie Mendelssohn 1838 postum uraufführte.

Bis auf das Opern-Genre, mit dem Mendelssohn kein Glück hatte, hinterließ er ein gewaltiges Œuvre. Und was hören wir heute davon? Erschreckend wenig. Von den Symphonien vor allem die „Italienische“, das e-moll-Violinkonzert, die Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ und meist, wenn sich wie in diesem Jahr nicht nur Münchens Chöre zum Gedenken rüsten, den „Elias“. Doch dann ist Schluss.

Ein Leben, das nicht zum Genie-Kult taugt

Eine Aufführungsbilanz also, die in keinem Verhältnis zum Gesamtschaffen steht. Die Gründe dafür sind wohl auch in Mendelssohn Bartholdys Lebenslauf, in seinem Selbstverständnis zu suchen. Denn anders als die Kollegen, die sich beherzt bis aggressiv aufmachten zu neuen musikalischen Ufern, die auch (und gern) litten an ihrem gesellschaftlichen und künstlerischen Umfeld, taugte Mendelssohn Bartholdy nicht zum Genie-Kult.

Seine Orientierung an den alten Meistern wurde ihm sogar zum Verhängnis. Man belächelte den Großbürger auch dafür, dass er einfache, aber wirkungsvolle Chorsätze schrieb – und ignorierte dabei, dass er die Musik auf diese Weise für bürgerliche Kreise öffnete, sie folglich ein entscheidendes Stück weit demokratisierte.

Felix Mendelssohn Bartholdys Musiksprache wurde dabei zum Problem vieler Interpreten. Denn in einer Zeit der instrumentalen Experimentierlust (Berlioz) oder der beginnenden, bald alles überstrahlenden, hyperemotionalen Musikdramatik (Wagner) wirkte sein Stil fast wie ein Fremdkörper.

Dieser schwebeleichte Charme, diese ganz spezifische klangliche und rhythmische Durchsichtigkeit, gepaart durchaus mit Pathos, verträgt keine deutschromantischen Pranken. Sondern eine Behandlung, die unter Umständen erst jetzt, mit den Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis, möglich ist. Vielleicht also könnte man zum heutigen 200. Geburtstag diesem Komponisten das schönste Geschenk machen – ihn endlich entdecken.

von Markus Thiel

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