„Wir verstecken den Clown in uns selbst“: Rolando Villazón im „Eugen Onegin“ an der Deutschen Staatsoper Berlin. foto: Rittershaus

Gespräch zur Neuerscheinung

Rolando Villazón: „Das ist keine Autobiografie“

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München - Ein Clown schreibt über einen anderen und reflektiert dabei über den Preis des Ruhms und über Krisen. Es ist schwer, den ersten Roman von Rolando Villazón nicht als Autobiografie zu begreifen. „Kunststücke“ erscheint an diesem Freitag – eine Kritik und ein Gespräch mit dem Star.

„Die Verzweiflung vor dem Nichts beantworten wir mit einem anderen Nichts, das wir scheinheilig mit Scheinwerfer und Flitter verkleiden: dem Ruhm.“ Also muss es immer weitergehen, auch, um sich selbst nicht der Realität auszusetzen. Schreibt Macolieta, ein Clown. Einer, der auf Kindergeburtstagen mit seinen intellektuellen Co-Clowns auftritt, der sich verliebt, der dies seiner Angebeteten aber nicht signalisiert. Und der sich schreibend davonträumt in eine andere Existenz: in den Clown Balancín, der – so scheint es zunächst – alles das hat, was Macolieta im Leben vermisst.

Die Bühne als Flucht. Die Krise als Damoklesschwert über Karriere und Privatleben, zu dem man lieber nicht hinaufschaut. Die Maskierung als Clown, der Dunkles hyperaktiv überspielt. Sehr bezeichnende Themen verhandelt Rolando Villazón in seinem Buch. Das will Roman sein, ist aber noch ganz anderes: philosophische, psychologisierende Spielerei und autobiografisches Bekenntnis. Auch wenn der Autor Letzteres abbiegt. Dabei ist es gerade wieder passiert: von der Kritik gezauste Auftritte als Belmonte in Baden-Baden, Bronchitis, dann Absage beim Schweizer Verbier-Festival. Villazón muss beim Gespräch immer wieder husten.

„Es gibt sicher viele Parallelen zu meinem Leben“, räumt der Star ein. „Aber: Es ist keine Autobiografie.“ Sein literarischer Trick, eine Figur über ihr fiktives Alter Ego schreiben zu lassen, ist nicht neu. Auch, dass sich beide Personen im Laufe der Zeit annähern: Macolieta und Balancín werden sich immer ähnlicher, Realität und Erdachtes verschwimmen. Der Prozess wird ausgelöst durch eine Krise, die beide Karrieren gefährdet. Das nun wieder richtet den Blick fast zwangsläufig auf Villazón selbst.

„Ich mag das Wort Krise nicht so gern“, betont er. „Korrekter wäre es, von einem gesundheitlichen Problem zu sprechen, ob im Falle von Macolieta und Balancín oder bei mir. Für mich war diese Phase einer der wichtigsten Momente in meinem Leben.“ Weil Villazón, so meint er jedenfalls heute, aus den Vorgängen vor gut vier Jahren, als er eine Zwangspause einlegte, lernen konnte. „Es ist, als ob ich durch viele Wälder hindurch musste. Ich verstand: Ich sollte einfach losgehen. Man entdeckt auf diesem unbekannten Weg vielleicht Blumen und Tiere, die es nur in diesen Wäldern gibt. Wenn man aber versucht, zu schnell aus diesen Wäldern hinauszukommen, bleibt man womöglich in ihnen gefangen.“ Alles überstanden also? So poetisch und ernst, so reflektiert und selbstironisch, wie Villazón im persönlichen Gespräch ist, so sehr fürchtet man auch anderes: Ob sich seine Selbstwahrnehmung nicht doch vom realen Villazón unterscheidet?

Die Berufsbezeichnung Sänger trifft bei ihm ja längst nicht mehr zu. Der gebürtige Mexikaner zeichnet hinreißende Cartoons, tritt regelmäßig in einer TV-Sendung auf und inszeniert, all dies mit großem Erfolg. Drei Opern-Produktionen stehen demnächst an, ein Pensum, das normalerweise hauptberufliche Regisseure absolvieren. Villazón macht keinen Hehl daraus, das ihm diese Extra-Beschäftigungen geholfen haben, auch auf Anraten der Ärzte.

Der Roman „Kunststücke“, so viel- und uneindeutig er mit Autobiografischem jongliert, ist wohl ein Teil dieser Bewältigungsaktion. Das Buch liest sich anfangs nicht unbedingt leicht. Mehr philosophische Spitzfindigkeit statt Handlung ist es. Ein auf mehrere Rollen verteilter Essay statt Roman – was kein Malus ist. Je mehr sich die beiden Clowns Macolieta und Balancín annähern, je mehr man sich auch dem diskursiven Rhythmus von „Kunststücke“ anvertraut, desto mehr lohnt die Lektüre. Kein Zweifel: Ein kluger, hintergründiger, begabter Autor ist da am Werk. Einer, der viel über das Wesen des Clowns nachgedacht hat, nicht nur, weil er schon selbst als einer aufgetreten ist (auch in der Oper), sondern weil er sich mit diesen heiter-traurigen Wesen identifiziert.

Zwei Aspekte gebe es bei einem Clown, erläutert Villazón. Er scheine zu verlieren, dabei gewinne er unterm Strich. Man solle sich eine Szene vorstellen, ein Clown und ein kaputtes Klavier. „Er klappt alles auf, zupft hie und da, es funktioniert einfach nicht. Plötzlich geht ihm ein Licht auf. Er spielt nicht auf, sondern mit dem Klavier, setzt sich drauf, tut so, als sei es ein Schiff, und segelt davon. Irgendwie hat er also gewonnen.“ Eine negative Realität lasse sich also überwinden, sagt Villazón triumphierend. Weil man sie bewältigt – oder einfach ignoriert...?

Welchen Preis der Ruhm wohl hat, das fragt sich im Buch irgendwann Balancín. Erschöpfung, das sei wohl einer. Ruhm, so sagt Villazón, könne aber auch etwas ganz anderes bedeuten: Freiheit. „Ich fühle mich jetzt frei, weil ich mich nicht dauernd unter Druck setzen muss. Ich muss nicht mehr alles haben, machen und überall dabei sein. Diese Art von Kapitalismus der Kunst brauche ich nicht. Ich kann das tun, wohin mich mein Herz treibt.“ Zum Beispiel zu neuen Buch-Projekten. An seinem zweiten Roman, eine Art Fortsetzung, schreibt der Tenor gerade, ein weiterer soll die Trilogie vervollständigen. Opernauftritte (unter anderem in München) füllen den Terminkalender – so lange die Realität ihm keine weiteren Striche durchs Bühnenleben macht. Das Musiktheater braucht schließlich einen wie ihn.

Von Markus Thiel

Rolando Villazón: „Kunststücke“. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt Verlag, Reinbek, 256 Seiten; 19,95 Euro. Erscheinungstag ist der 15. August.

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