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Die Fantasie seiner Zuschauer will er auf Reisen schicken: Frank Schätzing.

Bestseller-Autor Frank Schätzing

„Das Publikum wird Teil der Handlung“

München - Bestseller-Autor Frank Schätzing spricht im Interview über Multimedia-Lesung und Verfilmung seines aktuellen Romans „Breaking News“

„Breaking News“, der aktuelle Roman des Kölner Bestseller-Autors Frank Schätzing, wird als sechsteilige Fernsehserie verfilmt (wir berichteten). „Der Actionteil sollte mit James Bond mithalten können“, verrät Schätzing im Gespräch mit unserer Zeitung. Die historischen Szenen wünscht er sich so radikal wie im ZDF-Kriegsdrama „Unsere Mütter, unsere Väter“. Das könnte klappen, denn auch für diesen Dreiteiler war Produzent Nico Hofmann verantwortlich, der nun „Breaking News“ adaptieren wird. „Eine Miniserie auf internationalem Niveau soll es werden“, erklärt der 57-jährige Schriftsteller. Im nächsten Jahr wird gedreht, bis zur Ausstrahlung müssen sich die Fans also noch etwas gedulden. Nicht mehr ganz so lange dauert es, bis man Frank Schätzing persönlich erleben kann: Am 2. November wird er für eine besondere Lesung seines Romans in den Münchner Circus Krone kommen – auch darüber sprachen wir mit dem Autor.

-In „Breaking News“ streifen Sie auf 976 Seiten diverse Krisenherde im Nahen Osten, erzählen das Leben von verschiedenen jüdischen Siedlerfamilien, darunter jener vom späteren israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon inklusive dessen bewegter Vita. Wie soll derart viel Stoff in eine sechsteilige Fernsehserie passen? Haben Sie keine Angst, dass Ihr Roman bei der Verfilmung verhackstückt und Ihre Aussage verwässert wird?

Oh, in sechs Teilen kann man eine Menge unterbringen! Filme transportieren Inhalte schneller als Bücher. Vieles, was ich im Buch nacheinander erzählen muss, kann man im Film zeitgleich zeigen. Ein guter Schauspieler bringt seitenlange Gefühlsbeschreibungen oft mit wenigen Sekunden Mienenspiel rüber. Dramaturgisch funktionieren Filme halt völlig anders als Bücher. Einen Roman sklavisch Seite für Seite abzufilmen, ergibt ambitionierten Mist. Man muss die Geschichte im Grunde noch mal neu erzählen, ganz der Ästhetik und Dynamik des Mediums Film unterworfen. Wie das in unserem Fall aussehen könnte, darüber haben Nico und ich ziemlich deckungsgleiche Vorstellungen.

-Wie muss ich mir eine Lesung mit Surround-System vorstellen? Es gibt von „Breaking News“ ja bereits eine Hörbuchfassung – was ist im Circus Krone anders?

Das Hörbuch ist ja eine reine Literaturlesung. Wir inszenieren ein Live-Hörspiel. Die Hälfte der Zeit sitzt man im Dunkeln, damit die Fantasie auf Reisen gehen kann. In Israel und der Westbank habe ich Originalatmosphären aufgenommen und später im Studio mit Musik und Geräuscheffekten zu kinoartigen Soundtracks gemischt, die spielen wir ab, dazu lese ich live. Und plötzlich hat man als Zuhörer das Gefühl, mitten in der Szenerie zu sitzen. Etwa auf dem Markt von Nablus. Um Sie herum schreien die Straßenhändler, Helikopter dröhnen über Ihren Kopf hinweg, Motorräder rasen durchs Publikum. Dann wieder sind Sie in der afghanischen Wüste, hören Vögel hoch am Himmel, der Wind heult, aus der Ferne nähert sich ein Jeep mit Taliban, Schüsse fallen, es wird brenzlig. Der Trick ist: Wir verteilen die Klangquellen auf so viele Boxen, dass die Illusion entsteht, das alles sei real. Das Publikum wird Teil der Handlung.

-Nicht alle Szenen aus Ihrem Roman eignen sich für diese Inszenierung...

Stimmt. Ich habe solche ausgesucht, die besonders spannungsreich umsetzbar waren. Mit hohem Gänsehautfaktor also. Meine Stimme verschmilzt mit der Klangcollage, im Kopf entsteht ein regelrechter Spielfilm. Das Ganze funktioniert natürlich nur perfekt getimt. Mein Text muss sich genauestens mit dem Soundtrack verzahnen. Inzwischen beherrsche ich meine Einsätze allerdings im Schlaf. Live klingt das alles leicht und mühelos, aber es ist schon sehr sorgfältig vorbereitet.

-Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Klangteppich?

Erstmals akustisch aufgepeppt habe ich eine Lesung vor 15 Jahren. Als „Lautlos“ erschien, mein Thriller über den G8-Gipfel in Köln. Viele der Staatschefs hatten im Hyatt gewohnt, also schlug ich dem Hoteldirektor eine Lesung der besonderen Art vor: in Form eines Dinners, bei dem genau das auf den Tisch käme, was Clinton, Jelzin, Schröder und Co. zuvor in Köln gegessen hatten. Zwischen den Gängen würde ich vorlesen und ein paar amüsante bis brisante Gipfel-Hintergrundepisoden zum Besten geben – ich hatte seinerzeit recht gute Kontakte zum BKA und zum Secret Service. Meine einzige Sorge war, die Lesestellen könnten zwischen den Hochgenüssen aus der Küche zu trocken rüberkommen, was mich auf eine Idee brachte: Wenn es möglich ist, Musik auf Filmbilder zu komponieren – müsste man Musik dann nicht auch passgenau auf Sprache komponieren können? Ich schrieb Soundtracks, spielte sie an besagtem Abend ab und las live dazu. Die Sache funktionierte, mehr noch: Es entstand etwas völlig Neues – Kino für die Ohren! Und den Leuten gefiel es. Damit war jede konventionelle Lesung für mich passé. Später, bei den Romanen „Schwarm“ und „Limit“, habe ich richtige Filme hinzugenommen und auf Leinwände projiziert.

-Gibt es bei „Breaking News“ nun auch Bilder zu sehen?

Nein. Diesmal setze ich ganz auf die Finessen der Klangerzeugung. Das Soundsystem, mit dem wir touren, ist so ausgeklügelt, dass die Bilder auf der Großhirnrinde entstehen. Zwischendurch erzähle ich von meinen Recherchen in Israel und der Westbank. Über die Menschen dort, ihr Leben, ihren grandiosen, oft galligen Humor. Und Ofrin tritt auf, eine israelische Sängerin mit wahrhaft hypnotischer Stimme. Eine Ausnahmekünstlerin, sehr cool. Sie verkörpert für mich das junge, moderne, weltoffene Israel.

-Die Verfilmung von „Breaking News“ hat ja nicht allzu lange auf sich warten lassen. Was ist eigentlich mit dem Filmprojekt zum „Schwarm“, das seit Jahren immer mal wieder im Gespräch ist? Interessiert Sie das jetzt noch?

Klar. Beim „Schwarm“ war leider eine Weile der Wurm drin. 2007 hatte ein Freund von mir die Rechte gekauft, der das wiederum in Kooperation mit Dino De Laurentiis machen wollte. Dann starb Dino, zeitgleich brach der amerikanische Filmmarkt zusammen. Für ein so kostspieliges Mammutprojekt wie den „Schwarm“ war es zu der Zeit praktisch unmöglich, das nötige Budget aufzutreiben – zumal das Buch in den USA kein großer Erfolg war. Da setzte man nur noch auf garantiert gewinnbringende Projekte wie „James Bond“ oder „Harry Potter“. Jetzt ist ein neues Produzententeam an Bord, das Filmgeschäft kommt langsam wieder auf die Beine, also unternehmen wir einen weiteren Anlauf. Teuer bleibt es, aber wir hängen nicht mehr am Tropf der Amerikaner. Die neuen Geldgeber sitzen in China, Katar und Dubai. Wie ich höre, liegt ein neues Skript vor, die Finanzierung scheint zu stehen, das nährt Hoffnungen. Trotzdem habe ich mir abgewöhnt, irgendwas zu prognostizieren. Wenn die erste Klappe fällt, reden wir wieder.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

Frank Schätzing

liest aus „Breaking News“ am Sonntag, 2. November, um 20 Uhr, im Münchner Circus Krone; Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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