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Ingeborg Bachmann (1926-1973) schrieb von Herbst 1944 bis Sommer 1945 ihr „Kriegstagebuch“ in ihrer Heimat, der Kärntner Provinz bei Klagenfurt.

Buchkritik

„Das schreit zum Himmel“

Unlängst durch einen Zufall auf einem Speicher entdeckt, ist jetzt Ingeborg Bachmanns „Kriegstagebuch“ erschienen

Die Geschichte hat das melodramatische Potenzial eines Hollywood-Stoffs – oder eher eines Romans von Joseph Roth: Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begegnen sich in der österreichischen Provinz bei Klagenfurt eine 18-jährige Kärntnerin und ein britischer Besatzungssoldat, der eigentlich aus Wien stammt, aber als Jude 1938 mit einem Kindertransport nach England fliehen konnte.

„Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde“, schreibt das Mädchen über diese (wohl rein platonische) Beziehung in sein Tagebuch. Und weiter: „Wir haben bis zum Abend geredet, und er hat mir die Hand geküsst, bevor er gegangen ist. Noch nie hat mir jemand die Hand geküsst. Ich bin so verdreht und glücklich, und wie er fort war, bin ich auf den Wallischbaum gestiegen, es war schon dunkel, und ich hab geheult...“

Wahrscheinlich ist es nur Einbildung, aber gelegentlich meint man aus solchen Sätzen einen ersten vagen Anklang jener hymnischen Melancholie herauszuhören, die das literarische Werk Ingeborg Bachmanns prägt. Denn die verliebte Baumkraxlerin ist keine Geringere als die nachmals berühmte Dichterin, deren Tagebuchaufzeichnungen vom Herbst 1944 bis Sommer 1945 kürzlich in einem Speicher aufgetaucht und jetzt unter dem Titel „Kriegstagebuch“ herausgekommen sind – zusammen mit den nicht weniger bewegenden Briefen, die ihr Jack Hamesh, jener englische Soldat, schrieb, nachdem er 1946 nach Palästina auswanderte, wo sich seine Spur später verliert.

Etwas nüchterner kann man dieses Buch natürlich auch als Quelle lesen, die gerade durch die ungewollt dokumentierten atmosphärischen Valeurs höchst aufschlussreich scheint. Die Tagebuchnotizen geben Auskunft über die Verhältnisse sowohl am Ende des Krieges als auch in der frühen Besatzungszeit. Biografisch interessant erscheinen dann die Hellsichtigkeit, Aufrichtigkeit und nicht zuletzt der Mut der 18-jährigen Tagebuchschreiberin (die sich durch ihre „defätistischen“ Aufzeichnungen ja prinzipiell in höchste Gefahr brachte).

Obwohl ihr Vater schon 1932, also lange vor dem „Anschluss“ Österreichs, in die NSDAP eingetreten war, hat die Tochter nur Abscheu übrig für die Nazis, von denen sie und andere Schüler Ende 1944 gezwungen werden, Gräben auszuheben, aus denen heraus Klagenfurt dann „bis zum letzten Mann und zur letzten Frau“ verteidigt werden sollte: „Ich habe (...) immer nur gedacht, dass das zum Himmel schreit, was man mit uns treibt. Die Erwachsenen, die Herren ,Erzieher‘, die uns umbringen lassen wollen.“ Was diesen sensationellen Fund so faszinierend macht, ist nicht nur die Tatsache, dass man hier die spätere Literatur-Ikone quasi als Jugendliche kennenlernen, einen Blick in ihr mentales Mädchenzimmer werfen kann.

Was vielmehr so verblüffend wie anrührend wirkt, ist die Brechung des Historisch-Politischen im Prisma privater, ja intimer Erfahrung. So als geschähe hier absichtslos und unbewusst, was der Dichterin später in der Lyrik gelang: die Erhellung der Wirklichkeit im Licht der Subjektivität.

Ingeborg Bachmann: „Kriegstagebuch.
Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann“.
Suhrkamp Verlag, Berlin, 108 Seiten; 15,80 Euro.

Alexander Altmann

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