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Eine groteskes „Jüngstes Gericht“: Von links Annette Paulmann, Hans Kremer, Steven Scharf, Thomas Schmauser als Richter, Wiebke Puls, Benny Claessens sowie Risto Kübar; oben an der Geige Gertrud Schilde und am Synthesizer Salewski.

Elfriede Jelineks Text zum NSU-Prozess

„Das schweigende Mädchen“: Asketische Sprech-Oper

München - „Das schweigende Mädchen“: Elfriede Jelineks Text zum NSU-Prozess wurde an den Kammerspielen uraufgeführt. Eine Premierenkritik. 

Stefan Hunstein ist einer von uns. Das merkt man daran, dass er im Parkett des Schauspielhauses sitzt. Aber gleich zu Beginn springt der Schauspieler auf und echauffiert sich, so wie wir uns echauffieren: über den seltsamen Zufall, dass ein Verfassungsschützer in dem Internet-Café ist, in dem einer der NSU-Morde geschieht – von dem der Beamte aber angeblich nichts mitbekam. Dann stürmt Hunstein auf die Bühne, packt eine Obstkiste mit der Aufschrift „Heimaterde“ und geht lamentierend ab durch die Mitte. Erst nach diesem seltsam vertrauten „Präludium“ kommen die anderen Akteure ins Spiel. Sind sie Klageweiber, antike Priester oder gar Nornen? Das alles auch, ja, aber hauptsächlich stellen sie „Engel“ (und Teufel) dar, die Schauspieler Benny Claessens, Steven Scharf und – großartig! – Wiebke Puls, die da in schwarze Kapuzen-Tuniken gehüllt am vordersten Bühnenrand sitzen.

Annette Paulmann und Hans Kremer wiederum mit billigen Ossi-Klamotten und Kassengestellen sind einerseits „Propheten“, andererseits die Eltern der NSU-Terroristen. Außerdem tritt ein bärtiger Christusdarsteller barfuß im weißen Büßerhemd auf (Risto Kübar) und zuckt neurotisch herum. Inmitten aber thronet der Richter, den Thomas Schmauser mit genialer gestischer Detailgenauigkeit und rosigen Wangen als umwerfende, beängstigend realistische Juristen-Karikatur auf die Bühne bringt – besser als jede Zeichnung von Honoré Daumier.

Es ist schon ein groteskes und schauerliches „Jüngstes Gericht“, das in Elfriede Jelineks ebenfalls jüngstem Theatertext tagt: „Das schweigende Mädchen“ heißt diese dramatische Durchdringung des Münchner NSU-Prozesses, und ohne dass der Name erwähnt wird, weiß man, dass das titelgebende Mädchen die Hauptangeklagte Zschäpe ist. „Die Jungfrau“ wird sie im Stück genannt, dem es an biblischen Anspielungen („Was ist Wahrheit?“), Bibel-Tonfall und liturgischem Singsang ebenso wenig mangelt, wie an irrwitzigen Prozess-Zitaten. Das aber auch kühn den Bogen schlägt zur Windenergie, dem deutschen Exportüberschuss – und zu Hunding aus Wagners „Walküre“.

Nein, man muss nicht sofort kapieren, wie das alles zusammengehören soll. Die Autorin bietet keine beruhigenden Antworten nach dem „Herr-der-Ringe“-Muster hie gut, dort böse – sondern vielmehr ein irritierend-intuitives Porträt des Gegenwartsbewusstseins. Aber das ist eben der Unterschied zwischen Kabarett und Drama: Im Theater gibt es – idealerweise – keine eindeutigen Botschaften und leitartikeltauglichen Aussagen. Die Jelinek weiß nicht schon vorher genau, auf welche Botschaft sie hinschreibt. Ihre „Textflächen“ sind selbst der mäandernde Prozess der Sprachuntersuchung, sie hangelt sich assoziativ an Wörtern, Wortketten, Wortspielen entlang und entlockt deren Mehrdeutigkeit eine ebenso alberne wie beklemmende Komik. Durch diese kalauernde Verfremdung werden Wörter wie etwa „Klimawandel“ oder „Migrationshintergrund“ plötzlich als herrschaftliche Sprachregelungen erkennbar; und man beginnt ein Misstrauen zu entwickeln gegen den Konsens der Wohlmeinenden, die sich in blinder Gefolgschaft hinter solchen Wortfahnen scharen. Wogegen Elfriede Jelinek also vor allem anschreibt, das ist das fundamentale Einverständnis, das sich im selbstverständlichen Gebrauch der „gängigen“ Sprache manifestiert.

Johan Simons interessiert diese zutiefst politische, nämlich auf Machtfragen gerichtete Dimension von Jelinek-Stücken weniger. Getreu seiner Devise, dass die Texte der Nobelpreisträgerin vor allem musikalisch aufzufassen seien, inszeniert der Münchner Kammerspiel-Intendant diesmal konsequenterweise gleich eine asketische Sprech-Oper. Die Akteure sitzen aufgereiht an der Rampe hinter Notenständern, auf denen sie den Stücktext liegen haben, als wär’s eine Partitur. Und zwischendurch bringen eine Geigerin, eine Pianistin sowie ein Keyboarder Musikpassagen zu Gehör, die streckenweise tatsächlich als harmonische Kakophonien wahrzunehmen sind, aber insofern eine kongeniale Begleitung des Textes darstellen.

Der Hauch von Orff’schem Schulwerk, der diese Inszenierung durchweht, wird vom Bühnen-Ambiente verstärkt: Das Podium der Musiker trägt die Aufschrift „Konservatorium“. Und ganz im Hintergrund steht eine Art selbstgebastelter Pappkarton-Tempel mit der Inschrift „Erbschaftsamt“. Die Erinnerung an Turnhallen-Aufführungen der Theater-AG, die das weckt, sorgt – wohl ungewollt – für herrliche ironische Brechungen.

Kurzer, heftiger Applaus.

Alexander Altmann

Weitere Aufführungen

am 2., 8., 19. Oktober; Karten unter Telefonnummer 089/ 23 39 66 05.

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