"Das Theater wird uns alle überleben"

Interview mit Heiko Plapperer-Lüthgarth: - Vor zwei Jahren hat er übergeben: Heiko Plapperer-Lüthgarth "sein" Deutsches Theater an Nachfolgerin Andrea Friedrichs. Er hat es mit Herzblut und Verstand geführt, mit Liebe und Geschick. Seine Nachfolgerin wird kaum ihren Zweijahresvertrag ausschöpfen. Zum ersten Juli schon wollte sie von der Geschäftsführung zurücktreten (wir berichteten); nun aber äußerte sie den Willen, doch bis Ende 2007 zu bleiben. Ein Gerangel, das den "Alten" schmerzt.

- Wenn die Stadt München Ihnen anböte, dem Deutschen Theater in seiner aktuellen Not beizuspringen und es noch einmal, kommissarisch, zu leiten - würden Sie es tun?

Nein, das wäre nicht zweckmäßig. Da müsste schon große Not herrschen. Und die sehe ich in der derzeitigen Situation nicht. Im Haus wirken die besten Leute. Der Verwaltungsleiter Werner Steer, Carmen Bayer, die Justitiarin . . .

- Andrea Friedrichs ist nicht nur Geschäftsführerin, sondern auch freie Produzentin. Ihr wird vorgeworfen, ihre eigenen Musical-Produktionen bevorzugt im Spielplan des Deutsche Theaters platziert zu haben. War es aus Ihrer Sicht nicht sehr blauäugig von der Stadt, dass sie das nicht von vornherein vertraglich eingegrenzt hat?

Ich denke, dass es das durchaus war, wenn man jetzt in Anspruch nehmen will, woran man vorher keinen Anstoß genommen hat.

- Warum wird Ihrer Meinung nach der Vertrag von Andrea Friedrichs nicht verlängert?

Die Interessenkollision führte zu einer Problematik, die nicht einvernehmlich lösbar ist; es sei denn, Friedrichs würde auf ihre Privilegien verzichten.

- Wenn das Haus zunächst auch ohne sie schadlos weitergeführt werden kann, braucht es nicht doch einen künstlerischen Leiter?

Diese Aufgabe ist keine Intendantenaufgabe. Sie erfordert wohl künstlerischen Geschmack, aber an erster Stelle sind Managementfähigkeit und starkes kommerzielles Verständnis notwendig. Wichtig ist der Überblick über den Markt. Und den muss man sich erarbeiten. Als Chef dieses Theaters muss man nach wirtschaftlichen Wegen suchen, um hochqualitative Produktionen zu bezahlbaren Preisen ans Haus zu binden.

- Aber es nutzt alles kaufmännische Geschick nichts, wenn das künstlerische Gespür fehlt.

Na ja, ein hohes künstlerisches Verständnis braucht man schon auch. Wenn ich die Wahl hatte zwischen Bezahlbarkeit und Qualität, habe ich mich immer für die Qualität entschieden. 30 Jahre lang.

- Sodass Sie selbst in die Lage kamen, Impulse für neue internationale Shows zu geben.

Das ist jeweils eine Frage des Vertrauens. Das Deutsche Theater ist auf seine Partner angewiesen.

- Schmerzt Sie die jetzige Entwicklung?

Ich bedaure sehr, dass so kurz nach der Einarbeitung meiner Nachfolgerin schon wieder ein Wechsel stattfindet. Das Deutsche Theater braucht Kontinuität, es muss eine Linie erkennbar sein.

- Was wäre hier Ihre Wunschproduktion?

"Springtime for Hitler" (so der Filmtitel) beziehungsweise "The Producers" (so der Musicaltitel). Wahnsinnig spannend, hochexplosiv und voller Humor. Aber wahrscheinlich wird es in Berlin herauskommen. Und ehrlich gesagt, da gehört es auch hin.

- Und wen würden Sie als zukünftigen DT-Chef der Stadt empfehlen?

Ich bin nicht auf der Suche nach einem. Aber ich wünsche mir in meinem Herzen, dass dieses Haus mit einem qualitativen Leiter weitergeht. Ich bin sicher, das Deutsche Theater, das schon so oft in der Krise steckte, wird uns alle überleben.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

Der Widerruf der Andrea Friedrichs

Der Rücktritt vom Rücktritt. Andrea Friedrichs, Geschäftsführerin des Münchner Deutschen Theaters, hat letzte Woche ihren vorzeitigen Rücktritt erklärt. Jetzt kam ihr Widerruf. Dazu DT-Aufsichtsratsvorsitzender Hep Monatzeder: "Andrea Friedrichs sieht die Geschäftsgrundlage für den Auflösungsvertrag nicht mehr gegeben. Die bestand darin, dass der Vertrag im gegenseitigen Einvernehmen ohne Erklärung aufgelöst werde." Die Einschränkung "ohne Erklärung" sei hinfällig geworden, weil Gründe der Vertragsauflösung in den Medien erörtert wurden. Diesen Ruf wolle Andrea Friedrichs nicht auf sich sitzen lassen. Also beschloss sie, bis zum eigentlichen Vertragsende, dem 31. Dezember, im Amt zu bleiben.

Ob das auch tatsächlich der Fall sein wird, darf angezweifelt werden. Das Pokern um eine Abfindung wird nicht ausbleiben. Heute jedenfalls gibt es zu diesem Thema eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung.

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