Der Daumen senkt sich

- Er war das jüngste von acht Kindern einer orthodoxen jüdischen Familie in London, hochbegabt und homosexuell. Im prüden und deswegen sexuell überreizten Großbritannien der viktorianischen Zeit eine brisante Mischung. Der Maler Simeon Solomon (1840-1905), der sich den Präraffaeliten anschloss, schöpfte aus diesen Grund- und Konfliktlagen seine künstlerische Spannung. Heuchlerisch, wie man war, durfte vieles im Verborgenen geschehen. Aber als er zusammen mit einem Mann verhaftet wurde, ließ die Gesellschaft ihn fallen. Diesem Mann, den Kollege Edward Burne-Jones "den größten

Hingabe ans Göttliche

von uns allen" nannte, widmeten die Birmingham Museums & Art Gallery unter dem Titel "Offenbarung der Liebe" eine umfassende Ausstellung seines uvres: von Zeichnungen des Jugendlichen bis zu den Spätwerken; ergänzt um Arbeiten anderer Präraffaeliten wie Dante Gabriel Rossetti, Ford Madox Brown oder Albert Moore.

Die Villa Stuck brachte die Schau nach München, um auch auf die Bezüge zu Franz von Stucks symbolistischer Linie aufmerksam zu machen. Für ihn waren Bibelstoffe und insbesondere die Antike ästhetisches und gedankliches Spielmaterial, aus dessen fast schon unverfrorener Handhabung erst etwas Neues, auch Ernstes, entstehen konnte. Für Solomon war das Alte Testament die Lebensbasis. Nie löste er sich von ihr, vielmehr fügte er andere Motive dazu, die zu seiner Zielsetzung passten.

Schon bei dem frühen Gemälde "Ein junger Musiker als Mitwirkender beim Tempelgottesdienst zum Stiftshüttenfest" (1861) steht die Haltung der innerlichen Versenkung im Mittelpunkt; obwohl das Dekorative, das Exotische der roten und braunen Wandbespannung, der schwarz-weißen Muster von Kleidung und fremdartiger Leier zelebriert wird. Unter dem Aspekt der Hingabe ans Göttliche fasst Solomon die Religionen, ob orthodoxes oder katholisches Christentum, ob Judentum, ob antike Anbetung, zusammen. Hier setzt sich das Motiv der "Verkündigung", Marias Hören auf und ihr Vertrauen in Gott, fort und damit die Verehrung der Renaissance-Künstler durch die Präraffaeliten.

Mit dieser Errungenschaft näherte sich Simeon Solomon auch der Darstellung (Technik: meist Aquarell mit Deckweiß) der Liebe, die Herbststürme, das Vergessen und den Tod ertragen muss. Sein berühmtes "Sacramentum Amoris" - eine Mischung aus Bacchus, Hermes und antiker Priester trägt einen Liebes-Gral - ist jedoch verschollen. Weiterführend für uns Heutige, die bisweilen Probleme haben mit den androgynen Jünglingen und ihrem verinnerlichten Blick - der Bayer nennt ihn respektlos "Goaßg'schau" -, wirken einige späte Arbeiten. Da sind "Die Schlafenden und der eine Wachende" (1870), ein symbolistisches Spiel um Bewusstseinsstufen in einer erstaunlichen Komposition; da ist die "Schöpfung" (1890), in der sich der Strich modern aufraut, die Weichheit des Antlitzes zersetzt wird in den Konturen von einem dahinfegenden Dunkel.

Der Daumen hatte sich damals längst gesenkt über Simeon Solomons Geschick - genauso wie es zwei der Zuschauerinnen auf seinem Gemälde "Habet!" (1865) tun. Ein Gladiator ist, für uns unsichtbar, gefallen. In den Frauen spiegelt der Künstler die Männergewalt. Und ihren Umgang damit: von faszinierter Gier über Langeweile bis ohnmächtiges Entsetzen. So dramatisch war Solomons Ende nicht. Als Verfemter konnte er nichts mehr präsentieren und verkaufen. Er starb verarmt. Erst nach seinem Tod rafften sich Royal Academy und Baillie Gallery zu Gedenkausstellungen auf.

Bis 18. Juni, Tel. 089/ 45 55 51 24; Katalog: 29 Euro, Begleitheft: 3 Euro.

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