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Legende am Flügel: Dave Brubeck auf einem Bild aus dem Jahr 2000.

Legende am Flügel

Zum Tod von Dave Brubeck: Im eigenen Takt

München - Die Beine wollten schon länger nicht mehr. Bei seinen letzten Auftritten im Münchner Gasteig schleppte sich Dave Brubeck nur noch mühsam vom Flügel zum Mikrofon, wo er mit viel Charme seine Stücke ankündigte.

Dann wartete das Publikum geduldig, bis der Meister wieder seinen Hocker erreicht hatte. Dort mutierte der über 90-Jährige zum Jungspund. Die Hände wollten noch.

Dave Brubeck ist tot. Dabei schien dieser Mann doch unverwüstlich. In einem Alter, in dem andere längst in Seniorenresidenzen leben, ging der in Kalifornien geborene Pianist regelmäßig auf Welttournee. Sein langjähriger Partner, der Saxophonist Paul Desmond, den er 1943 in einer Armee-Band kennengelernt hatte und der für ihn den Standard „Take Five“ schrieb, starb im Jahr 1977. Brubeck aber spielte noch 30 Jahre später das wunderbare Album „Park Avenue South“ ein – live in einem Starbucks an eben dieser Park Avenue in New York.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Brubeck eine der prägenden Figuren des Jazz. „Alle meine Helden waren schwarz“, hat er gerne gesagt. Helden, die trotz ihrer Erfolge immer wieder an die amerikanischen Rassengrenzen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stießen. Brubeck aber, der als Sohn eines weißen Bauern eher mit Kirchenmusik und Country aufwuchs, standen alle Türen offen. Er half, den Jazz aus den verrauchten und verruchten Bars an die Universitäten zu holen. „Jazz Goes to College“ hieß entsprechend ein erfolgreiches Album im Jahr 1954. Im gleichen Jahr zierte er als zweiter Jazz-Musiker nach Louis Armstrong das Cover des „Time“-Magazine.

Doch Brubeck wehrte sich dagegen, in die intellektuelle Ecke verräumt zu werden. Er habe oft genug in Harlem oder den Schwarzenvierteln im Süden gespielt, wo man mit den Labels der nörgelnden Kritiker („Cool Jazz“) nichts anzufangen wusste. Es ging ums Gefühl. Stan Getz, Charlie Parker und Dizzy Gillespie hießen seine Partner. Vor allem aber spielte er mit seinem Dave Brubeck Quartett. 1959 erschien „Time out“, eigentlich als musikalisches Experiment geplant, heute aber eines der wichtigsten Jazz-Alben überhaupt. Es schmähte das übliche Taktmaß. „Take Five“ hatte einen 5/4-Takt. Das Album sagt viel über Brubecks Karriere: ein innovatives Werk, das sich millionenfach verkaufte. Der manchmal verkopfte Komponist, der keine Noten lesen konnte, interessierte in den 50er- und 60er-Jahren die Jugend wieder für diese Musik.

Gestern ist Brubeck an einer Herzattacke gestorben. Er war auf dem Weg zu einer Routineuntersuchung beim Kardiologen. Heute wäre er 92 Jahre alt geworden.

Mike Schier

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