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Ein verhängnisvolles Gelübde müsste Heerführer Idomeneo (Ilker Arcayürek) eigentlich erfüllen – die Opferung seines Sohnes Idamante (Ida Aldrian).

PREMIERENKRITIK

„Idomeneo“ in Nürnberg: Dunkles Märchen für Erwachsene

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Selbst der grausigste Tragödienbrocken bekommt bei Regisseur David Bösch etwas Verspieltes. Sein Nürnberger „Idomeneo“ überwältigt vielleicht nicht, wirkt aber trotzdem lange nach.

Nürnberg - Einfach abdanken, wie soll das funktionieren? Nach der Beinahe-Opferung des Sohnes, nach dem verhängnisvollen Gelübde, das Heerführer Idomeneo zwar die Rettung am Meeresufer bringt, aber auch nie mehr kittbare familiäre Verwerfungen. Überhaupt nach einem zehnjährigen Trojanischen Krieg, der nicht nur die Schlachtfelder, sondern auch Seele und Hirne verdunkelt hat. Dem Sohn, Idamante, gönnt also Papa die Krone – und sich selbst einen suizidalen Drink. Letzter Ausweg Herzstillstand, wie diese Aufführung zeigt, eine frustrierte, vielleicht auch einsichtige Flucht in ewige Jagdgründe.

Längst hat sich da die Bühne des Nürnberger Staatstheaters verdüstert und endgültig zerlegt. Ein nihilistisches Finale, zu dem die Choristen als blutige Untote ihre Schlussnummer jubeln. Dabei ist David Bösch ja keiner der zynischen Regie-Buben. Mag aus seinen Inszenierungen noch so sehr das Licht gewichen sein: Stets ist da eine Verspieltheit, eine Poesie zu spüren, die Distanz schafft auch zum grausigsten Tragödienbrocken. Immer wieder lässt sich Bösch dafür von Falko Herold putzige Cartoon-Videos fertigen, die erhellen, ironisieren, kommentieren, auch (überflüssigerweise) verdoppeln und aus dem Abend eine „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene machen.

Mehr Bilderfolge statt stringente Erzählung

An der Bayerischen Staatsoper war das bei Mozarts „Mitridate“ oder Monteverdis „L’Orfeo“ zu erleben. Die Gegenrichtung, eine Komödie, die sich poetisch verdunkelt, gibt es auch. Böschs Inszenierung von Donizettis „Liebestrank“, eine seiner ersten Opernarbeiten überhaupt, gehört – wie gerade wieder zu erleben – zu den Filetstücken des Münchner Repertoires.

Für den „Idomeneo“ in Nürnberg hat Bösch quasi zweimal geübt. 2013 in Basel, 2016 in Antwerpen, letztere Produktion wanderte nun nach Franken weiter. Ein bisschen sieht man das. Vieles, was von den Sängern vollbracht wird, wirkt intensiv, engagiert, aber eben auch „gemacht“ und nicht immer bis in die letzte Faser erfühlt. Ohnehin liegt Bösch weniger an der stringenten Erzählung, an einem von Logik durchdrungenen Handlungsverlauf. Gerade weil er mit Patrick Bannwart (Bühne) und Falko Herold (neben Video auch Bühne und Kostüme) zwei starke, eigenwillige Mitstreiter hat, denkt Bösch eher in Bilderfolgen. Oft auch in surrealen, die dann in die (Alb-)Traumsequenz driften.

Historisch informierte Widerborstigkeit im Orchester

Das ist heikel bei einem Stück, in dem sich Mozart nicht nur als furioser Orchesterbediener erweist, sondern auch als frühreifer Menschenkenner und Charakterentwickler. Gelegentlich blitzen in dieser Aufführung mit ihren Endzeit-Spielereien auch Psychogramme auf. Aber Motivationen vorbereiten, schlüssig und auf der Langstrecke erklären, das passiert weniger. Dass alles ins Heute geholt wird, ohne übertrieben zu aktualisieren, ist ein Plus. Warum aber mit Kreuzsymbolik operiert wird, während doch ständig von Neptun & Co. die Rede ist, kann Bösch nicht erklären.

Manchmal gibt es jedoch aufreizend neu Gedachtes. In die Szene zwischen Idomeneo und Ilia, die ja eigentlich Idamante versprochen ist, mischt sich unverhohlen Erotisches – eine ganz andere Beziehungsmöglichkeit wird da angedeutet. Das passt, weil mit Ina Yoshikawa keine Sängerin aus der Leichtgewichtsklasse zur Verfügung steht, sondern eine zupackend, oft auch kühl und berechnend gestaltende Sopranistin. Ilker Arcayürek ist weniger in (vokalen) Ehren ergrauter Idomeneo, sondern ein Typ aus der Kategorie echte, wiewohl gebrochene Kerle. Den Kämpfer nimmt man ihm ab, auch den Mann, der eher im Affekt als reflektiert handelt. Breit und flexibel klingt sein Tenor, zuweilen auch gedeckt und mit Fahlfarben-Mixturen, doch auch das entspricht ganz dem Charakterzuschnitt des gefallenen Helden. Leah Gordon gibt die Elettra mit dramatischem Aplomb als Antiken-Hexe. Ilda Aldrian den Idamante mit eher herbem Charme und schlankem, hellem Mezzo. Marcus Bosch, dem scheidenden Generalmusikdirektor, ist während seiner Amtszeit nicht alles geglückt. Der „Idomeneo“ zählt zweifellos zu seinen stärksten Dirigaten. Mit historisch informierter Widerborstigkeit und robuster, detailverliebter Dramatik rücken er und die Staatsphilharmonie Mozarts reichster Partitur zu Leibe. Ruhe-Inseln gibt es kaum, Schönklang ist nicht oberstes Gebot. Als Intermezzo zwischen Akt eins und zwei wird der Kopfsatz aus Mozarts „kleiner“ g-Moll-Symphonie durchgepeitscht. Eine Aufführung, die vielleicht nicht überwältigt, aber – dank ihrer Klänge und Bilder – beschäftigt.

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