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Da ist die Welt noch in Ordnung: Martha (Katharina Pichler) und Otto (Norman Hacker) in ihrem Ehebett.

Premierenkritik

Endlich wieder Kroetz in München

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München - David Bösch inszenierte fürs Münchner Residenztheater Franz Xaver Kroetz’ „Mensch Meier“ im Marstall. Hier unsere Premierenkritik:

Nein, er kann nicht raus aus seiner Haut. Seine Frau, sein Sohn – die haben es am Ende geschafft, haben sich selbst verändert und damit auch ihre Lebensumstände. Nur er, Otto Meier, hängt noch immer fest im Alten – und weiß es. Manchmal, sagt er, „möchte ich eine Rasierklinge nehmen und mich von oben bis unten aufschlitzen, und dann hab ich die Idee, aus der Haut steigt ein anderer heraus, der eigentlich ich bin und dem bloß der Weg versperrt war“. Das bleibt jedoch Fantasie, da bricht kein anderer, der eigentliche Otto, aus ihm hervor – und daher lässt Regisseur David Bösch diesen „Mensch Meier“ am Ende im Münchner Marstall auf den Gürtel seines Morgenmantels blicken: Letzter Ausweg Suizid?

Zum Spielzeitauftakt richtete Bösch bereits einen bemerkenswerten „Homburg“ am Residenztheater ein. Nun hat er aus Franz Xaver Kroetz’ 1978 uraufgeführtem Volksstück über den Alltag einer Münchner Kleinbürgerfamilie, über deren wenige Träume und viele Sorgen, einen trotz aller Komik wohltuend ernsthaften Theaterabend gemacht. Am Sonntag hatte die etwas mehr als 90 Minuten lange Inszenierung Premiere.

Kroetz ist es gelungen, grundlegende Fragen anzusprechen

Obwohl die Zeitumstände, die das Drama schildert, aus heutiger Perspektive eigentümlich entrückt, ja längst überholt wirken, ist es Kroetz beim Schreiben gelungen, innerhalb seines Siebzigerjahre-Mietshaus-Kosmos’ grundlegende Fragen anzusprechen: nach den Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern und Generationen, nach individuellen Sehnsüchten, Freiheitswünschen und Abstiegsängsten. Fragen also, die bis heute drängend sind. Das hat Bösch erkannt und seine klug gekürzte sowie szenisch leicht variierte Fassung des Stücks aus der Zeit heraus inszeniert.

Ins Zentrum der Bühne hat Patrick Bannwart eine weiße Schrankwand gebaut, die so praktisch ist, wie sie preiswert war. Hier leben die Meiers: rechts das Ehebett der Eltern (das Hochzeitsfoto hängt natürlich über ihrer Seite); links, im Wohnzimmer, die ausklappbare Liege des pubertierenden Sohnes unter AC/DC-Poster und Ton-Steine-Scherben-Titel: „Keine Macht für Niemand“.

Die Familie ist gefangen in ihren Alltagsritualen. Otto Meier, Fließband-Arbeiter, will ebenso wie die Mutter, dass der Sohn was Besseres wird: „Zahntechniker, Bankkaufmann, Steuergehilfe“. Junior Ludwig jedoch will Maurer werden, zum Unverständnis der Eltern. „Werd’ nicht frech, wenn man dein Bestes will“, blocken sie den Berufswunsch ab. Kleine Auszeiten gönnt sich Otto Meier nur bei seinem Hobby, der Modellfliegerei.

Rebellion zum "Star Wars"-Thema

Da träumt er sich dann ganz weit weg, denn „über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Das musikalische Leitmotiv seines Sohnes ist freilich ein anderes: Der Wecker schrillt das „Star Wars“-Thema (der erste Film der Reihe entstand etwa zur selben Zeit wie Kroetz’ Stück). Zwar will er am liebsten weiterschlafen, doch dann zieht der picklig-pubertäre Rebell in den Aufstand gegen das Imperium der elterlichen Herrschaft.

Vor allem den Beginn des Abends inszenierte Bösch komisch. Dabei tappen der Regisseur und seine drei wunderbar aufgelegten Schauspieler jedoch nie in die Falle, die Figuren bloßzustellen. Es wäre leicht gewesen, aus den Meiers Spießer-Karikaturen zu machen – doch Norman Hacker, Katharina Pichler und Marcel Heuperman lassen ihnen ihre Würde. Ja, diese Pantoffeltierchen haben den Blues – aber sie haben eben auch ihre individuellen Biografien.

Hacker zeigt Otto Meier als Menschen, der mit seiner Haarspalterei und Engstirnigkeit, seiner Wichtigtuerei und seinen Neurosen die Familie bis zu deren Implosion tyrannisiert – für den aber gerade diese Pedanterie jene Sicherheit bedeutet, ohne die er nicht existieren kann. Sein Traum, mit der Modellfliegerei allem zu entkommen, bleibt Sehnsucht. Besonders berührend gelingt Hacker dabei jene Szene, in der Meier in einem Selbstgespräch so tut, als würde er – kurz vor den Europameisterschaften im Langstreckenmodellsegelfliegen – fürs ZDF-„Sportstudio“ interviewt.

Doch letztlich ist er der Einzige seiner Familie, der nicht abheben wird. Sein Sohn, dem Heuperman viele Facetten des Noch-Nicht-Erwachsenen gibt, und seine Frau, deren Emanzipation Pichler in würdevoller Ruhe vollzieht, haben am Ende den Absprung geschafft. Nicht nur aus der gemeinsamen Wohnung – Bösch lässt die beiden aus dem Theatersaal in ein anderes (besseres?) Leben gehen. Da tragen sie längst keine Pantoffeln mehr, sondern die festen Schuhe eines Arbeiters und die geschmackvollen einer Frau, die etwas auf sich hält, die sich selbst bewusst ist. Und auch das zeigt, wie sehr Bösch und sein Team den Kroetz-Text begriffen und wie gewissenhaft sie ihn hier auf die Bühne gebracht haben.

Herzlicher, langer Applaus.

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