David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“: Premierenkritik

München - Der Spaß hätte allen Beteiligten am Münchner Volkstheater um die Ohren fliegen können. Inklusive Fußnoten-Konvolut hat die deutsche Übersetzung des Romans „Unendlicher Spaß“ 1545 Seiten.

David Foster Wallace (1962-2008) lässt hier zahllose Figuren auftreten, verwebt zig Handlungsstränge, wechselt Genres und Stilformen. Sein Buch ist ein beeindruckendes, überbordendes, schier maßloses zu Text gewordenes Wimmelbild. Ein Ausriss des babylonischen Treibens in den westlichen Gesellschaften, eine schrille Abrechnung mit Unterhaltungsgier und traurige Klageschrift zugleich. Als „Unendlicher Spaß“ im Jahr 1996 in den USA erschien, machte diese Anmaßung eines Romans seinen Autor zum Star.

Die Besetzung

Regie: Bettina Bruinier.

Kostüme: Justina Klimczyk.

Bühne: Markus Karner.

Video: Clemens Walter.

Darsteller: Justin Mühlenhardt (Hal Incadenza), Max Wagner (Orin Incadenza/ Ortho Stice/ Ken Erdedy), Lenja Schultze (Mario Incadenza/ Charlotte Treat), Xenia Tiling (Avril

Incadenza/ Ann Kittenplan/ Nell Gunther), Jean-Luc Bubert (James Incadenza/ Steeply),

Pascal Fligg (Pemulis/ Geoffrey Day), Pascal Riedel (Troeltsch/ Randy Lenz), Oliver Möller

(Gerhard Schtitt/ Lyle/ Don

Gately), Kristina Pauls (Joelle).

Das Volkstheater und seine Regisseurin Bettina Bruinier, die nun die Uraufführung der Theaterfassung inszenierte, haben sich also auf eine ordentliche Fallhöhe begeben. Das Risiko war noch größer, da die Regisseurin zu Beginn der Spielzeit am selben Ort bereits „Solaris“ in den Sternenstaub gesetzt hat. Auch dieser Inszenierungs-Unfall basierte auf einem Roman.

Umso sehenswerter, unterhaltsamer und bedenkenswerter ist dagegen Bruiniers etwas mehr als zwei Stunden langer Abend „Unendlicher Spaß“, der am Donnerstag an der Brienner Straße Premiere hatte. Der Regisseurin und ihrer Dramaturgin Katja Friedrich ist es tatsächlich gelungen, aus dem 1500-Seiten-Werk eine dramatische Handlung zu destillieren, die als Theaterstoff funktioniert, ohne Stil-Eigenheiten und Fabulierlust des Autors völlig zu vernachlässigen. Die beiden haben den einen Handlungsstrang um den hochbegabten, doch depressiven und drogensüchtigen Tennisprofi Hal Incadenza herausgefieselt und diesen durch eine klare Verortung – Haus der Incadenzas, Tennisakademie, Entzugsklinik – strukturiert. Zwar haben sich in ihre Fassung einige Unebenheiten eingeschlichen: Etwa wird von „Sponsoren“ geredet – ohne Erklärung, dass der Roman zu einer Zeit spielt, in der selbst Jahreszahlen käuflich sind („Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“). Auch tauchen die kanadischen Terroristen, die am Ende die Entzugsklinik überfallen, wie aus dem Nichts auf. Geschenkt jedoch all das, denn Bruinier und Friedrich haben die Stimmung von David Foster Wallaces Sprach- und Satz-Ungetümen ebenso auf die Bühne gerettet wie viele seiner Assoziationsbandwürmer und Mengen der ausgeprägten Adjektiv-Diarrhö des Autors. Ja, diese Texte machen Spaß.

Die Handlung

Hal Incadenza, 17, lebt mit seiner Familie auf dem Campus der Enfield Tennis Academy, die sein Vater James gegründet hat. Hal hat das Zeug zum Tennisprofi, doch um Leistungsdruck und innerer Leere zu entkommen, steigt sein Drogenkonsum. Sein Vater, der auch Regisseur ist, will Hal aus der Lethargie reißen und dreht, kurz bevor er selbst sich das Leben nimmt, den Film „Unendlicher Spaß“, der die Zuschauer so bannt, dass sie verhungern und verdursten. Hal muss in die Entzugsklinik neben der Akademie. Diese wird von Terroristen überfallen, die auf der Jagd nach James Incadenzas Film sind.

Für die Umsetzung des Stoffs hat Bruinier mit ihren spiellaunigen Darstellern immer wieder gute Lösungen gefunden. Markus Karner hat eine Bühne gebaut, die an eine Tennishalle erinnert. Für Wallace, der selbst zunächst Tennisprofi war, ist dieser Sport Sinnbild für den Lebenskampf, der sich um „Angstbewältigung“ dreht. Wie beim Training sitzen die Schauspieler, die nicht in der Szene sind, am Rand des Courts auf Plastikstühlen, um sich im rechten Augenblick einzuschalten. „Unendlicher Spaß“ ist auch und vor allem eine ordentliche Ensembleleistung. Das ist etwa am Ende zu merken, als Terroristen die Entzugsklinik überfallen: Die neun Darsteller zeigen die Szene als Live-Hörspiel – wer gerade nicht agiert, sitzt am Mikrofon und simuliert das Brechen von Knochen und andere Kampfgeräusche. Einfache Mittel aus der Trickkiste des Theaters sind das. Und doch so wirkungsvoll, weil gekonnt genutzt.

Natürlich ist nicht der ganze Abend derart zwingend inszeniert. Bruinier hat es aber zumindest weitgehend geschafft, die unterschiedlichen Niveaus der Darsteller auszugleichen. Während Justin Mühlenhardt als Hal die Szenerie vor allem staunend zu beobachten hat und dabei nicht viel falsch machen kann, nutzen andere ihre Rolle(n) besser: Pascal Fligg etwa, der als Tennis-Ass und später als Dealer eine Wandlungsfähigkeit beweist, die wir von Xenia Tiling bereits kennen. Endlich zeigen, was er draufhat, kann hier Volkstheater-Neuzugang Oliver Möller. Vor allem im zweiten Teil, der in der Tennisakademie spielt, liefert er als Trainer Gerhard Schtitt sein Meisterstück: Hat er zunächst mit Schlagstöcken den Rhythmus vorgegeben, nach dem seine Schützlinge ihre Trainings-Choreographie zu absolvieren haben, hält er am Ende der Einheit eine Übungsleiter-Ansprache, die direkt aus der „Sportschau“ stammen könnte – inklusive schiefer Bilder, Phrasen und grottenschlechter Syntax. Ein urkomischer Vortrag, der Poesie, Lautmalerei und Lacher vereint. Spätestens mit dieser Szene ist klar, wie diese Inszenierung enden wird: Spiel, Spaß und Sieg.

Nächste Vorstellungen am 9. und 10. April;

Telefon 089 / 523 46 55.

Michael Schleicher

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