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Bevor er mit „Eraserhead“ 1977 als Regisseur auf sich aufmerksam machte, arbeitete David Lynch bereits als bildender Künstler. Jetzt sind seine Werke in München zu sehen

Kunst des US-Regisseurs im Münchner Gärtnerplatzviertel

David Lynch – Hollywoods Rätselhaftester

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Die Münchner Galerie Karl Pfefferle zeigt Lithografien und Holzschnitte des Künstlers und Filmemachers David Lynch (“Twin Peaks“). Wir haben die Ausstellung im Gärtnerplatzviertel besucht. 

Was (oder wer) verbirgt sich unter der Oberfläche? Wer (oder was?) lauert hinter dem Offensichtlichen? Böses? Beglückendes? Etwas, das uns das Fürchten lehrt oder Freuden schenkt? Wer David Lynch vor allem als Filmemacher kennt, weiß, dass der US-Amerikaner in surrealen Kinoproduktionen wie „Blue Velvet“ (1986), „Lost Highway“ (1997) und „Mulholland Drive“ (2001) tief hinabtauchte in die menschliche Psyche; hier legte er dann Ängste und Obsessionen frei. Seinen Ruf als rätselhaftester Regisseur Hollywoods hat er spätestens seit der Mystery-Serie „Twin Peaks“ (1990/91) weg.

Bis September 2018 sind die Werke in der Galerie Pfefferle zu sehen. 

Weit weniger bekannt ist (leider) noch immer seine bildende Kunst – und das, obwohl der heute 72-Jährige von der Malerei kommt: In den Wirren der Pubertät war es Bushnell Keeler, der für Lynch Anker und Lotse wurde; er vermietete dem damals 14-Jährigen einen Raum in seinem Atelier. Es folgte das Studium an der Pennsylvania Academy of Fine Arts, schließlich das Stipendium fürs renommierte American Film Institute. 1977 reüssierte der 31-jährige Maler mit „Eraserhead“ als Regisseur.

In München ist Lynch jetzt in einer klug kombinierten Schau als bildender Künstler zu erleben. Während die Galerie von Karl Pfefferle im vergangenen Jahr seine Zeichnungen zeigte, sind nun an der Reichenbachstraße Lithografien und Holzschnitte zu entdecken, die zwischen 2007 und 2015 entstanden sind.

Die Lithografie freilich ist ein Druckverfahren, das die Neugier des Künstlers aufs Verborgene kitzelt: Nach jedem Druck wird die Steinplatte lediglich hauchdünn abgeschliffen. „So sammeln sich auf demselben Stein nicht nur Lynchs Motive“, erklärt Karl Pfefferle, „sondern auch jene der berühmten Vorfahren, die bei Mourlot in Paris gearbeitet haben.“ Zum Vorleben, das manche Steine bis heute als Erinnerungen in sich tragen, gehören Arbeiten von Braque, Chagall, Picasso, Matisse und Miró. Zudem experimentiert Lynch geschickt mit Eigenschaften dieser Drucktechnik, indem er etwa die verwendete Tusche stark verdünnt, um die Ränder seiner Zeichnungen ins Unbestimmte ausfransen zu lassen. Manches Detail in den gezeigten Werken erinnert somit an Flechten, wie wir sie von Bäumen kennen – und verweist damit auf die Kindheit des Künstlers: Durch den Vater, einen Agrarwissenschaftler, lernte er früh das Werden und Vergehen der Natur kennen.

Karl Pfefferle zeigt in seiner Galerie erstmals in Deutschland Lynchs Lithografien. 

Die Blätter, die in einer 30er-Auflage gedruckt wurden und je 4500 Euro kosten, kreisen um die bestimmenden Motive im Lynch-Kosmos. Hier manifestiert sich etwa immer wieder eine Bedrohung, die ein Gebäude, ein Haus oder eine Fabrik, anzugreifen droht. Dort geht es um Schwierigkeiten im menschlichen Miteinander: „I hold you tight“ heißt eine Arbeit – doch sind „eng“ oder „fest“ ein Ding der Unmöglichkeit, wenn die Arme aus Gummi zu sein scheinen. Bei „A parting Kiss“ weiß der Betrachter nicht so recht, ob es sich wirklich um einen Abschiedskuss oder eine Form von Kannibalismus handelt.

Wie so oft in Lynchs bildnerischem Werk integriert er Sätze in die Arbeiten – für ihn eine Möglichkeit, Bewegung (und sei es für die Augen des Betrachters) ins statische Medium Lithografie zu bringen. Dieser Ansatz erinnert dann ebenso ans Schaffen des Filmemachers wie die unwirtlichen Gebäude: Ein solches war bereits in „Eraserhead“ schaurig-schöner Schauplatz. Hauptfigur in diesem Film ist übrigens Henry Spencer, dessen Beruf uns wiederum den Weg in Pfefferles Galerie weist: Spencer verdient sein Auskommen als Drucker.

Informationen zur Ausstellung:

Bis 8. September 2018, Di.-Fr. 13-18 Uhr, Sa. 12-16 Uhr, Reichenbachstraße 47-49 Rgb., Telefon 089/ 29 79 69.

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