Dazwischen ist harte Arbeit

- Großer Auftrieb im Münchner Prinzregententheater. "Ich bin ja mehr aufgeregt, als bei einer Premiere", sagt die bühnenerfahrene Schauspielerin Doris Schade, der heute Abend der Bayerische Theaterpreis verliehen wird. Ein Ehrenpreis fürs künstlerische Lebenswerk. Die Freude über diese Auszeichnung ist groß. Doch fügt Schade in ihrer lakonischen, selbstironischen Art schnell hinzu: "So viele Alte, die den Preis noch nicht haben, gibt's ja auch nicht mehr." (Die Übertragung des Festakts ist im Bayerischen Fernsehen am Samstag, 30. 11., ab 21.30 Uhr zu sehen).

<P></P><P>Ehrenpreis, undatiert - ist da nicht zunächst der Schreck: Jetzt gehöre ich endgültig zum alten Eisen?<BR><BR>Schade: Da kommt man schon ins Überleben, äh, Überlegen. Man kommt zur Besinnung und realisiert die eigene Existenz. <BR><BR>Haben Sie, als Ihnen der Preis zugesprochen wurde, nicht gedacht: Eine schöne Rolle wäre mir lieber?<BR><BR>Schade: Nein, darüber habe ich in diesem Zusammenhang nicht nachgedacht.<BR><BR>Die Situation der subventionierten Theater in Deutschland ist derzeit miserabel. Untergang und Theatertod drohen allerorten. Seit über 50 Jahren stehen Sie auf der Bühne: Ich nehme an, Sie kennen derartige Not-Situationen. . .<BR><BR>Schade: Natürlich, immer wieder. Ich erinnere mich an Hamburg. Da hatte die Stadt kein Geld mehr fürs Schauspielhaus. Die Umwandlung in eine GmbH schien damals die Rettung. Es ist noch immer weiter gegangen. Insgesamt glaube ich aber, dass man in den Theatern durchaus sparsamer mit dem Geld umgehen könnte.<BR><BR>Als Sie anfingen, gab's quasi überhaupt nichts. . .<BR><BR>Schade: Klar, ich habe ja gleich 1945 begonnen. Zunächst im Kabarett. Aber dass das 57 Jahre her sein soll. . . Wissen Sie, man geht von Rolle zu Rolle, von Aufführung zu Aufführung, von Theater zu Theater _ ich habe immer alles gerade so genommen wie es im Moment ist. Nun bringt mich dieser Preis so ein bisschen zur Besinnung.<BR><BR>Wird das Theater die jüngste Krise überleben?<BR><BR>Schade: Ich glaube, der lebendige Mensch auf der Bühne wird immer interessieren. Daran wird sich nichts ändern. Die Lesungen, die seit den letzten zehn Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen, sind der beste Beweis dafür. Dieses große Interesse daran hat mich sehr überrascht. Es ist, als würde während der Lesung im Kopf der Zuhörer eine eigene Vorstellung ablaufen.<BR><BR>Das wird auch so sein. Denn in der Theaterwirklichkeit werden wir ja vielfach zugeschüttet mit einer Flut von Bildern.<BR><BR>Schade: Da bleibt fürs Eigene nicht mehr viel Raum. Meine Art, Theater zu spielen, ist aber darauf ausgerichtet, dass die Zuschauer mitdenken und sich nicht mit "Kunst" berieseln lassen sollen.<BR><BR>Gibt es von den vielen Figuren, die Sie gespielt habe, welche, die bis heute sozusagen in Ihnen geblieben sind?<BR><BR>Schade: Nein, ich musste sie ja immer wieder aus mir rausschmeißen, um Platz zu schaffen für die nächste. Alle fünf bis sechs Jahre weiß ich, warum ich zum Theater gegangen bin; dazwischen ist harte Arbeit.<BR><BR>Welche Rollen waren Ihnen die liebsten?<BR><BR>Schade: In jungen Jahren die Viola in "Was ihr wollt", die ich in vier verschiedenen Übersetzungen an vier verschiedenen Theatern spielen konnte. Das gibt's heute gar nicht mehr. Solche Möglichkeiten, sich auszuprobieren und in unterschiedlichen Versionen zu profilieren, haben höchstens noch Sänger. Dann natürlich die Desdemona, die ich mit Fritz Kortner hier in München an den Kammerspielen gearbeitet habe. Kortner war für mich eine Offenbarung. Was ich von ihm gelernt habe, davon profitiere ich heute noch. Und die Schauspielschüler, die ich unterrichte. Zu den besonderen Rollenerinnerungen gehören die Medea, die ich bei Ernst Wendt gespielt habe, die "Was ihr wollt"-Maria bei Dieter Dorn, in Hamburg Ibsens Frau Alving bei Luc Bondy. Das waren alles tolle Arbeiten.<BR><BR>Sie sind bei dem Intendantenwechsel von Dorn zu Frank Baumbauer an den Kammerspielen geblieben. Stimmt der Eindruck, dass Sie so richtig in das neue Ensemble noch nicht integriert sind?<BR><BR>Schade: Es war mir im Voraus klar, dass das nicht so ganz einfach werden würde. Man muss einem neuen Intendanten mindestens zwei bis drei Jahre Zeit geben, um das Ensemble zusammenzuschweißen. Aber ich finde die vielen jungen Leute hier alle sehr nett.<BR><BR>Können Sie sich mit dem, was dort gespielt wird, identifizieren?<BR><BR>Schade: Ich identifiziere mich nie mit anderen Aufführungen. Allerdings ist nicht alles so, dass ich dort überall hätte mitspielen wollen. Dann gibt's wieder ganz wunderbare Inszenierungen, die früher an den Kammerspielen so nicht möglich gewesen wären. Zum Beispiel "Traum im Herbst" oder "Schlachten".<BR><BR>Im März 2003 werden die Kammerspiele das Schauspielhaus wiedereröffnen. Wird sich Ihr Traum erfüllen, bald wieder auf dieser Bühne zu stehen?<BR><BR>Schade: Ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Aber ich renne der Intendanz deswegen nicht die Bude ein. Entweder brauchen sie mich - der nicht.<BR><BR>Sie sind, das bringt der Beruf mit sich, 23-mal umgezogen und haben in 15 Städten gelebt. Was ist Ihre Heimat?<BR><BR>Schade: Die Sprache. Dort habe ich mich immer zuhause gefühlt.</P>

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