Décadence auf dem Laufsteg

Salzburg - Es wurde aber auch Zeit: Heiner Müller endlich bei den Salzburger Festspielen. Erstmals hatte jetzt ein Stück des früheren DDR-Dramatikers (1929-1995) Premiere: "Quartett", der zynische Abgesang auf die Liebe und das menschliche Zusammenleben. Ein hochkarätiges Zweipersonenstück, das hochkarätige Schauspieler braucht. Und die stehen zweifellos in Salzburg zur Verfügung - mit Barbara Sukowa und Jeroen Willems.

Müllers Stück basiert auf dem 1782 erschienenen Briefroman "Gefährliche Liebschaften" von Choderlos de Laclos. Da scheint es ziemlich logisch, dass Regisseurin Barbara Frey ihre Inszenierung in einen originalbarocken Rahmen setzte: den Carabinieri- Saal der Salzburger Residenz. Weil Heiner Müllers Zeitangabe "Salon vor der Französischen Revolution/ Bunker nach dem dritten Weltkrieg" lautet, setzte Bühnenbildnerin Bettina Meyer über die ganze Länge des Saals einen Leuchtsteg, neben dem und auf dem der hocherotische und philosophische Schlagabtausch erfolgt.

Das Publikum beobachtet ihn von den Längsseiten des Stegs aus, an denen jeweils drei Reihen vergoldeter Stühle aufgestellt sind. Ihr Auftritt ist beeindruckend. Barbara Sukowa im barockähnlichen Gewand. Kaltes, versteinertes Gesicht. Mit einer Hand auf dem Rücken schreitet sie einmal den Steg rauf und runter, als nähme sie wie ein Militär die Parade ab. Dann setzt sie sich zurück an die Stirnseite des "Tischs" - und beginnt ihre Rede an Valmont. Ganz sachlich, ruhig, ohne erkennbare innere Regung. Die Sukowa macht klar: Dies ist ein Endzeittext. Nur für einen Moment lässt sie ein Erbeben des Körpers aufscheinen, ein erotisches Sichberauschen an der Sprache: ein kurzes Auflachen, der lustgesteuerte Atem, der spitze Befreiungsschrei.

Das ist so raffiniert wie großartig. Jedes Wort schneidet wie ein Messer. Sukowa verweigert - auch im späteren Rollentausch der Figuren - jegliche Theatralik. In der Reduktion liegt ihre Kraft, in der geistigen Klarheit die Stärke der Merteuil. Regisseurin Frey setzte auf die Überlegenheit der Frau und hat in Barbara Sukowa ihre kongeniale Protagonistin. Intellektuelle Bewunderung für ihre Merteuil. Für Valmont aber bleibt in dieser Inszenierung vor allem Mitleid, eine Kategorie, die nicht zu Heiner Müller passen will. Bei Jeroen Willems ist Valmont, dieser Verführer und Genießer, weniger ein Getriebener seiner Denkspiele als einer, der seinen Gefühlen und seinem Körper ausgeliefert ist. Ein Verlierer. Wie nebenbei betritt er anfangs die Szene, die Zuschauerreihen entlangschlendernd, hier und da mit dem Publikum kokettierend. Seine Sprache besitzt die Suggestion des Überdrusses, der müden Laszivität.

Und wenn er nach dem Rollentausch sich als Madame Tourvel nackt auszieht und zur Merteuil, die jetzt seinen Part übernimmt, sagt "Ich bin eine Frau, Valmont", dann schleicht sich so etwas wie Tragik ein. Doch ob die hier angebracht ist? Weil sie nicht als spielerisches Moment genutzt wird, eher nicht. Aber: Dieses als grandioser Totentanz angelegte "Quartett" ist bis jetzt das Beste, was die Salzburger Festspiele heuer als Schauspiel zu bieten haben. Stück, Darsteller und die Lauterkeit der Regie stimmen. Was dennoch nicht "stimmt", ist der Raum. Denn Müllers Text ist in erster Linie ein Stück über den Terror der Sprache, darüber, dass die Sprache Realität schafft.

Ein Stück über die "Bestialität der Konversation". Doch die ist über die viel zu große Distanz des 60 Meter langen Laufstegs oftmals unverständlich, der philosophisch-politische Gehalt bleibt auf der Strecke. Und bei aller Bewunderung für den als Person immer faszinierenden Jeroen Willems: Man könnte sich doch besser einen Valmont denken, der sprachlich und in seiner coolen Décadence mit der wunderbaren Barbara Sukowa auf Augenhöhe agiert.

Die Handlung

Marquise de Merteuil und ihr Ex-Liebhaber Vicomte de Valmont spielen die Möglichkeiten seiner neuen Liebschaften durch: Erstens sind sie sie selbst; zweitens gibt Merteuil den Mann, und er jene für ihre Treue berüchtigte Madame Tourvel; drittens markiert Merteuil ihre unschuldige Nichte, die von Valmont entjungfert wird; viertens ist er noch einmal die Tourvel, die, weil es Merteuil als Valmont so will, stirbt. 

Die Besetzung

Regie: Barbara Frey.

Bühne: Bettina Meyer.

Kostüme: Bettina Walter.

Darsteller: Barbara Sukowa (Merteuil), Jeroen Willems (Valmont).

Weitere Vorstellungen: tgl. bis 20. 8., außer 16. 8.; Karten: 0043/ 662/ 8045-500.

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