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Sprachwissenschaftler Helmut Berschin äußert sich in einem offenen Brief zur Diskussion um "faire Sprache" beim BR.  

"Du nimmst die Sprache zu wörtlich"

Sprach-Debatte: Das sagt der Wissenschaftler 

München - In der Broschüre hatte der BR seine Mitarbeiter dazu aufgerufen, nicht automatisch die männliche Variante eines Wortes zu benutzen. Sprachwissenschaftler Helmut Berschin antwortet in einem offenen Brief.

In der Broschüre „Faire Sprache“ hatte der BR seine Mitarbeiter dazu aufgerufen, nicht automatisch die männliche Variante eines Wortes zu benutzen. Der Gleichstellung wegen, wie Jürgen Wieland, Kommissarischer Leiter der Verwaltungsdirektion, erklärte. Unser Autor und Sprachwissenschaftler Helmut Berschin antwortet ihm in einem offenen Brief.

„An den Sprachschüler Jürgen Wieland, Bayerischer Rundfunk, Rundfunkplatz 1, 80335 München.

Lieber Jürgen, da hast Du den Leuten vom BR einen schönen Brief geschrieben mit wirklich gut gemeinten ,Tipps‘. Aber was gut gemeint ist, muss nicht richtig sein.

Dich stört an der deutschen Sprache, dass sie (ja: sie) Frauen und Männer nicht gleich behandelt. Hast Du auch an die Kinder gedacht? Schon der Ausdruck das Kind, als ob es sich um eine Sache handelt! Und erst die Anrede: Kinder werden geduzt, müssen aber zu fremden Erwachsenen Sie sagen. Ist das fair? Andererseits: Geht es den Kindern in Deutschland schlecht? Wohl nicht, jedenfalls viel besser als in Ländern wie Kolumbien, in deren Sprache auch Kinder mit ,Sie‘ angeredet werden.

Du willst, dass die Frauen öfter in der Sprache vorkommen. Da wäre Arabisch ideal, weil dort bei der Anrede ,Du‘ unterschieden wird, ob jemand Mann (anta) oder Frau (anti) ist.

Ich glaube, Du nimmst die Sprache zu wörtlich. Stell Dir vor, Du sagst in einer Rundfunksendung ,Grüß Gott!‘. Darauf beschuldigt man Dich, die Hörer (ich drücke mich normal aus und sage nicht wie Du: ,das Auditorium‘) religiös beeinflussen zu wollen. „Blödsinn“, würdest Du denken. Sprache und Wirklichkeit sind zwei Paar Stiefel. Aber – wirst Du fragen – warum legen manche so viel Wert auf eine ,politisch korrekte‘ Sprache? Nun, wer Politik macht, will etwas erreichen und verändern. Wenn das nicht geht, ändert man eben statt der Wirklichkeit die Sprache über die Wirklichkeit. Ein Beispiel: Viele Frauen sind gegenüber Männern in der Rente benachteiligt, weil ihre Arbeit für Familie und Kinder bei der Rentenberechnung wenig zählt. Hier eine finanzielle Gleichstellung zu schaffen, würde viel Geld kosten. Die sprachliche Gleichstellung, also immer von „Rentnerinnen und Rentnern“ zu reden, ist praktisch kostenlos.

In der früheren DDR hättest Du, wie viele andere, am Schluss Deines Briefes die Formel ,Mit sozialistischem Gruß‘ verwendet. Der Sozialismus wurde so milliardenfach – wie Du es für die ,geschlechtergerechte Sprache‘ wünscht – ,sichtbar und hörbar‘. Genützt hat das nichts, er ist sang- und klanglos untergegangen. Offensichtlich nehmen die Leute nicht alles, was gesagt wird, für wortwörtliche Wirklichkeit. Das solltest Du beherzigen und die deutsche Sprache dafür verwenden, wofür sie (wieder: sie) eigentlich gedacht ist: zur normalen Verständigung.

In diesem Sinne mit besten Wünschen,

Dein Sprachmeister Helmut Berschin

PS: Übrigens, das häufigste Wort der deutschen Sprache ist ,die‘, und auch ,die‘ kommt viel häufiger vor als ,er‘.“

Helmut Berschin

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