Debüt beim BR: Gespräch mit Dirigent Marc Minkowski

- "Ich gehe in die Luft, wenn man mich einen Spezialisten für Alte Musik oder für schnelle Tempi nennt", lacht Marc Minkowski, der sich daran orientiert, was ihm sein Papa, ein angesehener Pariser Arzt, riet: "Man muss Spezialist für vieles sein."

<P>Der Dirigent, der am Freitag (20.05 Uhr, Herkulessaal) sein München-Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gibt, springt wie ein wilder Schachterlteufel aus vielerlei Schubladen: Er gilt als Spezialist in Sachen Barock-Oper, hat viel Rameau, Lully oder Gluck und Händel dirigiert. Andererseits ist er der Mann fürs Französische, für Boildieu und Ravel, Bizet und Debussy, Chausson und Berlioz.<BR><BR>Und wer genauer hinschaut, entdeckt in seinem Repertoire auch viel Offenbach. Den kölschen Pariser liebt er, nennt ihn "ein französisches Genie und einen deutschen Romantiker". Minkowski hat sogar für die kommende Saison Offenbachs Konzert für Cello ausgegraben und wird es im September in Bremen aufführen mit dem Chamber Orchestra of Europe und einem jungen französischen Solisten. "Es ist kein Epoche machendes Werk, aber es ist eine Rarität", schmunzelt Minkowski.<BR><BR>Natürlich wird er auch in München aus dem französischen Repertoire schöpfen, Bizets Symphonie in C-Dur und Berlioz' "Les nuits d'été" mit der Mezzosopranistin Sylvie Brunet. Krönender Abschluss wird Mozarts große g-moll-Symphonie Nr. 40 sein. Mozart lag schon früh auf dem Notenpult des jungen Musikers, der an der Elsässischen Schule in Paris zunächst im Orchester saß und sich hernach dem Fagott verschrieb. Doch Minkowski wollte mehr, wollte dirigieren, nicht zu viel studieren und sein eigenes Instrument, sein Orchester, aufbauen.</P><P><BR>In den frühen Achtzigerjahren scharte er "Les musiciens de Louvre" um sich, musizierte mit ihnen auf Originalinstrumenten Werke des 17. und 18. Jahrhunderts - mit großem Erfolg, wie zahlreiche CD-Einspielungen belegen. Sie prägten sein Image. Doch vor kurzem hat Minkowski, der sich längst daran gewöhnt hat, quer durch Europa auch "normale" Orchester zu dirigieren, Schubert, Mendelssohn Bartholdy und Brahms ins Visier genommen. Wie sieht es mit Bruckner und Mahler aus? "Da lasse ich mir noch Zeit", wehrt er ab. "Ich muss mich absolut sicher fühlen, nur dann dirigiere ich ein Werk."</P><P>Ab und zu setzt er Wagners Sinfonie in C aufs Programm, "ein verrücktes Werk, in dem man nur schwer Richard den Großen erkennen kann", amüsiert sich Minkowski. Den "Fliegenden Holländer" hat er vor Jahren in den Niederlanden gewagt und macht sich - derzeit eher mit den "Feen" liebäugelnd - auch weiter seine sehr eigenen Gedanken zum Thema Wagner: "Ich möchte den Lyrismus zu Wagner zurückbringen. Er war ein großer Verehrer Bellinis und Mozarts, das darf man nicht vergessen. </P><P>Viele Dirigenten ignorieren seine feinen dynamischen Abstufungen. Wenn man sie spielt, wie sie in der Partitur stehen, bekommt Wagner mehr Menschlichkeit. Die Bläser müssen mit den Streichern einen Dialog führen, dürfen sie nicht killen."</P><P>Kampf gegen die Tempo-Tradition</P><P>Wen seine zuweilen rasenden Tempi irritieren, dem rät Minkowski zu einem Blick in die Noten: "Wenn Mozart in seiner ,Entführung Belmonte mit einem Presto einführt, dann will er uns zeigen, dass dieser junge Mann rennt, dass er sich an einem lebensgefährlichen Ort, dem Serail, befindet. Auch Beethoven hat in seiner Neunten zu Beginn des Finales ein Presto notiert, das heute niemand mehr ernst nimmt. Hermann Scherchen dirigierte es. Ich habe es einmal in seinem Tempo probiert. Es ist extrem schwer zu realisieren und noch schwerer gegen die Tradition anzukämpfen. Aber ich werde es wieder versuchen."</P>

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