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Trommelfell-Tester ohne Ermüdungserscheinungen: Deep Purple sind inzwischen familientauglich.

Deep Purple: Die Band fürs Leben

München - Trommelfell-Tester ohne Ermüdungserscheinungen: Deep Purple sind inzwischen familientauglich. Bei ihrem Konzert in der Münchner Olympiahalle haben sie das eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Eine Kritik

Gemessen an ihren Verdiensten – Miterfinder des Klassik-Rock, Schöpfer des Hardrock, zeitweise mit dem Prädikat „Lauteste Band der Welt“ dekoriert – könnten Deep Purple sich mit dem Status des Monumentaldenkmals zufriedengeben. Aber sie machen weiter und immer weiter und zeigen nach unzähligen Streitereien, Trennungen, Umbesetzungen und Wiedervereinigungen nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen. Das stellten die vier Briten Ian Gillan (Gesang), Roger Glover (Bass), Ian Paice (Schlagzeug), Don Airey (Orgel), alle schon in den Sechzigern, zusammen mit dem US-Gitarristen Steve Morse (56) in der Münchner Olympiahalle eindrucksvoll unter Beweis.

Mit „Highway Star“ schnellt der Energiepegel ansatzlos von Null auf Hundert, ein maschinengewehrartiges Schlagzeugintro, drei krachende Gitarrenakkorde, dann füllt Gillans immer noch schneidend-metallische Stimme die Halle. Wie ein sportlicher Gentleman auf dem Weg zum Pub wirkt der ehemals langmähnige Frontmann, weißes Hemd zu dunkler Hose und weißen Schuhen, die graumelierten Haare im gepflegten Kurzhaarschnitt. Aber er phrasiert explosiv wie eh und je, die Töne platzen ihm von den Lippen, als hätte er einen Pressluftgenerator in der Brust.

Roger Glover, mit rotem Kopftuch ein James Last im Piratenkostüm, sorgt mit dem bierbäuchigen, aber unverändert behänden Schlagzeuger Paice für einen donnernden Rhythmusteppich, auf dem Don Airey und Steve Morse alle Register ziehen können, um ihre großen Vorgänger Jon Lord (verließ 2002 die Band) und Ritchie Blackmore (ging 1993) vergessen zu machen. Das gelingt über weite Strecken, etwa wenn Airey mit erstaunlicher Leichtigkeit zwischen Orgel und Boogie-Piano changiert oder in einem Feuerwerk lichtschneller Improvisationen das „Hofbräuhaus“ und das Deutschlandlied zitiert. Steve Morse gibt den langmähnigen Hardrock-Gitarrero mit weichem Kern, der auf seine klassischen Wurzeln hinweist („Well Dressed Guitar“), wunderschöne Melodien zelebriert („Contact Lost“), aber auch vorführt, dass er jederzeit in der Lage ist, die Soli seines Vorgängers Ritchie Blackmore „werkgetreu“ zu interpretieren.

Dazu gibt es reichlich Gelegenheit, denn die Band poliert vor allem die Perlen ihrer 70er-Jahre-Trilogie „In Rock“, „Fireball“ und „Machine Head“ auf Hochglanz. Das summiert sich zum ultimativen Trommelfell-Test, unterbrochen von einer dramatischen Interpretation der Ballade „When A Blind Man Cries“, bei der klar wird, warum Ian Gillan sich 2003 mit Pavarotti auf eine Bühne trauen konnte. Auf ein Markenzeichen Gillan’scher Kunst wartet man allerdings vergeblich: Die spektakulären Ausflüge in allerhöchste Höhen mag der Sänger seinen Stimmbändern nicht mehr zumuten; sie würden zu einem britischen Gentleman auch nicht so recht passen.

Das Publikum schwelgt jedenfalls in Begeisterung, und das ist bemerkenswert, weil es bunt gemischt ist. Natürlich sind die Fans der ersten Stunde da, viele von ihnen stärker in die Jahre gekommen als ihre Idole, mit spinnwebartigen grauen Flusen über zerklüfteten Gesichtern oder eindrucksvollen Haarkränzen um noch eindrucksvollere Glatzen. Und da sind auch die unvermeidlichen Headbanger und Luftgitarristen, die mit staunenswerter Routine volle Bierbecher balancieren. Vor allem aber sieht man viele junge Gesichter, was daran liegt, dass Deep Purple offenbar inzwischen familientauglich sind. Ein riesiger Rocker schiebt seinen zarten blonden Sohn fürsorglich mit dem Bauch vor sich her, eine Mutter und ihre engelslockige Tochter, beide in schwarzem Leder, zucken ekstatisch im Soundgewitter, während die fünf auf der Bühne keinen Zweifel daran lassen, dass sie gewaltig Spaß haben. Das ist es auch, was das neue Purple-Gefühl ausmacht. Die Spannung zwischen Gillan, Lord und Blackmore, die jahrzehntelang über der Band lag wie eine Gewitterwolke, ist mit dem Abgang des finsteren Großmeisters der Hochtongirlande verflogen, der mit seinem esoterischen Mittelalter-Projekt „Blackmore’s Night“ offenbar restlos glücklich ist.

Leise Wehmut stellt sich schon ein, wenn Steve Morse Blackmores Markenzeichen, das bergeversetzende Riff von „Smoke O The Water“, anstimmt. Aber das Publikum, das tausendfach selig den Refrain übernimmt, spricht klar dafür, dass hier eine Band der Champions-League erfolgreich gegen alle Bestrebungen ankämpft, sie im Regal mit den Goldlettern „Legende“ abzulegen. Zwei Stunden virtuose Musik ohne eine langweilige Minute – so können sie noch lange weitermachen. Deep Purple, die Band fürs Leben.

Von Lorenz von Stackelberg

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