Deftiges im obersten Himmel

- Arkadien, das war Anno 1651 in Venedig. Egal, 2005 in München ist es das Etablissement "L'Empireo" (oberster Himmel), wo eine schräge Klientel sich bei frivolen Abenteuern amüsiert oder ihren Herzschmerz beklagt. Rhythmisch frech, melodisch weich - so wie Francesco Cavalli es Göttern, Halbgöttern und Menschen in die Kehle diktiert. Seine Oper "La Calisto", vom Librettisten Faustini als wilder Mythen-Mix verschnitten, amüsierte und begeisterte bei ihrer Münchner Erstaufführung am Montag im Nationaltheater das Publikum.

<P class=MsoNormal>Es ließ sich von Ivor Bolton und seinen 20 instrumentalen Mitstreitern willig entführen in die frühe Welt der Oper mit ihrer Fülle an Rezitativen, den kostbaren kleinen Arien und den zarten Duetten. Weil's preiswert sein musste - damals in Venedig -, wenn vor zahlendem Publikum und nicht bei Hofe gespielt wurde, beschränkte sich Cavalli auf wenige Musiker. Bolton folgte ihm und ließ erstmals in München ausschließlich auf (teils nachgebauten) barocken Instrumenten spielen. Mit den wenigen Musikern zauberte er einen weichen, biegsamen, lebendigen und farbigen Klang, der den Großraum sanft auskleidete. Mit einer farbkräftigen Continuogruppe (Streicher, Chitaronne, Cembali) rollte er den Sängern einen sicheren Klangteppich aus und setzte mit Flöten, Zinken, Trompeten, mit Harfe und Schlagzeug leuchtende Akzente.</P><P class=MsoNormal>So umschmeichelt, blühten die Stimmen der Sänger dezent auf, koppelten sie Gesang mit Tanz und intensivem Körpereinsatz. Ein Glück für Regisseur David Alden, dass das musikalisch homogene Ensemble sich so spielwütig auf sämtliche Kapriolen einließ und in Buki Shiffs schrill überzeichnender, sexy Aufmachung so tadellose Figur machte.</P><P class=MsoNormal>Zu tief in die Mythenkiste gelangt</P><P class=MsoNormal>Angefangen bei Sally Matthews als bezaubernder Calisto. Mit zartem, lyrischem Sopran färbt sie vor allem die gefühlsintensiven Klage- wie Glücksmomente in Arien und Duetten so innig ein, dass der Zuhörer fühlt, was Cavalli wollte: Empfindende Menschen im Wechselspiel mit den Göttern. Der Königstochter, die sich zu den Männer "verachtenden" Models der Diana gesellte, entspricht der liebeskranke Hirte Endimione, den Lawrence Zazzo mit softem Counter zum schmachtenden Träumer entrückt.</P><P class=MsoNormal>Mehr irdisches Durchsetzungsvermögen beweisen die trickreichen Götter: Bonvivant Giove (Jupiter), den Umberto Chiummo mit Eleganz in Stimme und Spiel zum Sieg führt - tatkräftig unterstützt von seinem Goldjungen Mercurio (Martin Gantner, mit fast ein bisschen zu viel Stimme). Schade nur, dass Giove als falsche Diana nicht selbst fisteln darf. Als echte Diana kapriziert sich mit hellem Sopran Monica Bacelli im verführerischen Persianer-Kostüm durch diesen barocken Sommernachtstraum, in dem noch allerhand bocksfüßig-zottelige Gestalten herumspuken.</P><P class=MsoNormal>Neben Pan, den Kobie van Rensburg als protzigen Zuhälterkönig tenoral herrisch auftrumpfen lässt, der Kentaur Silvano (markant: Clive Bayley) und der dreist herumtollende Satirino (herrlich: Dominique Visse), der's der liebestollen Altjungfer Linfea (sehr komisch: Guy de Mey) besorgt.</P><P class=MsoNormal>In all den Travestie- und Liebeslust-Verwirrungen bevorzugt Alden den handfest-direkten, deftigen Witz und im Verein mit Bühnenbildner Paul Steinberg seine altbekannte Ästhetik, die hier, trotz Dé´jà`-vu, wieder funktioniert. Wenn er allerdings die betrogene Götter-Gattin Giunone (elegant: Veronique Gens) zur Hebamme von Calistos Giove-Nachwuchs macht, dann langt er allzu tief in die Mythenkiste und setzt Cavalli/ Faustini noch eins drauf. Auch der freudige Bärentanz der (zur Strafe!) verwandelten Calisto irritiert. Allerdings beglückt der Schluss, in dem der komödiantisch aufgepeppte Prolog wahr wird: Schwerelos und eins mit der Musik gleiten Gioves Starlets über den blanken Himmelsgrund, wohin er dereinst auch Calisto holt - als Großen Bären. Überglänzt von einem beseelten, anrührenden Duett für die Ewigkeit.</P>

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