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Tenöre werden schwach bei der Operette – hier Fritz Wunderlich.

„Dein ist mein ganzes Herz“

Franz Lehárs Werk „Der Zarewitsch“ wird am Sonntag in der Münchner Philharmonie konzertant aufgeführt. Wieder singt ein veritabler Operntenor in einer Operette. Ein Phänomen.

René Kollo tat’s und konnte zur Legitimation auf seine Gene verweisen. Seine Kollegen – angefangen von Richard Tauber über Fritz Wunderlich und Nicolai Gedda bis hin zu Siegfried Jerusalem und Peter Seiffert – wagten beziehungsweise wagen es auch, und allen scheint es richtig Spaß zu machen: das „Fremdgehen“. Ohne rot zu werden, schmachten sie einer Schönen ihr „Dein ist mein ganzes Herz“ ins Ohr. Da schert es sie wenig, dass die Angebetete nicht Isolde, Agathe oder Elsa heißt und eine ebenbürtige Opern-Dame ist, sondern „nur“ Lisa aus dem „Land des Lächelns“. Genauer gesagt aus dem Reich der leichten Muse.

Tenöre, so scheint es, wurden schon immer schwach, wenn die Operette lockte. René Kollo lag sie gewissermaßen im Blut, denn Großvater Walter und Vater Willi komponierten für dieses Genre, und so kehrte der mit Bayreuther Lorbeer geschmückte Heldentenor nur zu seinen Berliner Wurzeln zurück. Vorgemacht hatte ihm Richard Tauber (1891-1948) diesen Seitensprung. Der gebürtige Linzer, der schon 1913 in Dresden zum Königlichen Hofopernsänger ernannt worden war und als Mozart-Interpret hohes Ansehen genoss, wurde über Nacht zum Weltstar: mit Franz Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“. Zwischen Komponist und Sänger entwickelte sich eine höchst produktive Freundschaft. Tauber, der über die Operette auch zum Film kam, sang sich mit Lehárs Partien in die Herzen des breiten Publikums. Natürlich gehörte auch „Der Zarewitsch“ dazu, dessen schwermütiges Wolgalied – „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“ – wie die meisten Lehár-Melodien zum Sonntagskonzert-Renner avancierte.

Auch Nicolai Gedda, der aus Schweden stammende Tenor, und sein unvergessener deutscher Kollege Fritz Wunderlich schlüpften ab und an in den Frack und setzten den Zylinder auf. Dabei eroberten sie eine „Lustige Witwe“, mutierten zu „Bettelstudent“ oder „Zigeunerbaron“ – wenn schon nicht auf der Bühne, so doch akustisch für Platte, Funk, Fernsehen. Wunderlich lieh seinen strahlenden Tenor nicht nur Mozart-Menschen, Bach’schen Evangelisten oder Pfitzners „Palestrina“, sondern auch dem chinesischen Prinzen Sou-Chong.

Dessen Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ singt er rund um die Uhr bei YouTube im Internet. Auch Tauber lässt sich dort „abhören“ mit dem gleichen Lied. Ausgerechnet Rudolf Schock, der im beginnenden deutschen Fernseh-Zeitalter als führender Operetten-Tenor auf der Mattscheibe reüssierte, ist im weltweiten Netz jedoch mit der Oper vertreten: Cavaradossis „E lucevan le stelle“ aus Puccinis „Tosca“.

Wenn am kommenden Sonntag Franz Lehárs „Der Zarewitsch“ in der Philharmonie als konzertante Produktion des Münchner Rundfunkorchesters von Ulf Schirmer dirigiert wird, ist ebenfalls ein Operntenor mit von der Partie: Matthias Klink wird für Piotr Beczala einspringen, der wegen Krankheit absagen musste.

Klink, der gebürtige Stuttgarter, hat sich als lyrischer Tenor (Tamino, Ferrando, Belmonte, Lenski, Matteo) einen Namen gemacht. Mittlerweile sang er in seiner Heimatstadt auch Mozarts „Idomeneo“ und in Berlin den Erik in Wagners „Fliegender Holländer“. Mit der Operette liebäugelt er dann und wann. Erst kürzlich hat er zusammen mit seiner Frau Natalie Karl eine CD mit Operettenliedern und -Duetten aufgenommen: „Die ganze Welt ist himmelblau“. Ein Motto, dem viele Operetten folgen, der „Zarewitsch“ allerdings nicht – ihm ist am Sonntag kein Happy End mit Sonja (Alexandra Reinprecht) vergönnt.


von Gabriele Luster

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